#promarksalzburg, unsere Schurken

Salzburg, Kulturstadt und die ÖVP, von Alf Altendorf

Wer die aktuellen Vorgänge in der Salzburger Stadt-Kulturpolitik beobachtet, wundert sich. Wie beim „Schiffe Versenken“ ein Punkt nach dem anderen für die ÖVP: Rauchmühle – versenkt. „Take the A Train“, Dachverband der Freien Szene und einige Kleinere – gekürzt. Jetzt droht beim MARK das nächste Desaster.  Hauptsache, die SPÖ blutet.

Was steckt dahinter? Gibt es eine „hidden Agenda“? Was lässt sich tun? Ich hätte Vorschläge.

„Lernen`s ein bissl Geschichte, Herr Redakteur!“ (1)

Wir nehmen den berühmten Sager von Bruno Kreisky ernst, und stöbern in den Archiven. 2019 hat der Dachverband – knapp vor der Gemeinderatswahl – das Abstimmungsverhalten der Parteien im Kulturausschuss im gleichen Jahr dokumentiert (2).

Während die damalige Koalition von SPÖ/Bürgerliste die gesamte Freie Szene durchwinkte – meist ohne  Diskussion – verweigerte die ÖVP/FPÖ dem MARK und FS1 schon damals – und die Jahre davor – die Unterstützung. Auf der Liste fehlen – eher zufällig, weil nicht 2019 – das Jazzit und der Dachverband selbst, die ebenfalls langjährig abgelehnt wurden.

FPÖ

Daß die FPÖ als rechtspopulistische Partei die Freie Szene als Ganzes ablehnt, ist ideologisch keine Überraschung und konsequent. Aus dem extremen Eck ist vermutlich alles „Links“.

Die Partei hat eine „offene Agenda“, die sich einem Umbau unserer Stadt und unserer Nation nach dem Vorbild des „ungarischen Orbanismus“ verschrieben hat. Das ist klar und bekannt.

ÖVP

Nur was leitet eine ÖVP? Einer Partei mit langen Traditionen, und mit historisch avancierter Kulturpolitik? Zum Beispiel mit Peter Marboe in Wien, aber auch Alfred Winter hier in Salzburg. Auch Landeshauptmann Wilfried Haslauer versteht sich als Kulturpolitiker.

In der Stadt wurde die ÖVP jahrzehntelang gedemütigt. Kaum in Entscheidungen eingebunden. Das hatte Auswirkungen auf das Personal, dessen Ziel wohl eher der Sprung in die Landes- oder nationale Politik war, denn die Stadtpolitik selbst. Wer blieb, war der „Rest“.
Diesem „Rest“ fiel mit dem Wahlergebnis 2019 eine politische Wende in den Schoß, die der drohenden Verurteilung von Alt-Bürgermeisters Heinz Schaden – also einer „desolaten SPÖ“ – und dem Bundeshoch der Kurz-ÖVP geschuldet ist. Darauf war sie sachlich nicht vorbereitet.

Jetzt regieren Emotionen und Rache.

„Die mögen wir nicht“

Die Zusammenfassung lautet so: Der Dachverband ist lästig. Die mögen wir nicht. „Take the A Train“? Das ist doch das Jazzit. Sind das nicht die Kommunisten? Die mögen wir auch nicht. Das MARK sind die Punks. Die haben wir nie gemocht. Und FS1? Die mag unser Ferdinand Wegscheider nicht, also mögen wir die auch nicht.

Und weil das so nicht offen gesagt werden kann – wäre ein Verstoß gegen Richtlinien einer neutralen Vergabe, und gegen Leitbilder – werden Gründe erfunden, um Emotionales als „sachlich“ zu verkleiden. Das MARK solle immer wieder etwas liefern – Jahresberichte, Bilanzen, Nutzungskonzepte – nur reichen tut es nie.

Was die ÖVP für das Jazzit und FS1 erfinden wird, werden wir uns demnächst ansehen können. Beim Jazzit steht demnächst die Verlängerung der Mittelfristigen Fördervereinbarung an, 2021 bei FS1.

Was lässt sich tun?

Gegen unsachliche, emotionsgetriebene Politik sachlich wenig. Denn deren Ursache liegt nicht in zu wenig oder schlechten Argumenten, sondern in der Abwesenheit von Rationalität.

Die Freie Kulturszene wird sortiert als vermeintlich „links“ – also der politische Gegner – und als Hassobjekt, das versenkt gehört. Schliesslich habe man ja den Wählerinnen und Wählern eine „konservative Wende“ versprochen.

Der für mich plausibelste Vorschlag: Die SPÖ soll das Kulturressort abgeben. Die ÖVP es selbst übernehmen. Sie haben richtig gelesen. In ihren Reihen eine Person finden, die ernsthaft Kulturpolitik machen und damit glänzen will. Ich glaube, die Freie Szene – die per se weder „Rechts“ noch „Links“ ist – wäre dabei.

Oder um es frei nach Geoffrey Kemp, Mittelostexperte der US-Regierung Reagan zu sagen: „Es sind Schurken. Aber unsere Schurken.“


Alf Altendorf ist kaufmännischer Geschäftsführer von Radiofabrik & FS1, und im Vorstand des „Dachverbands Freier Kulturstätten“.

(1) https://tvthek.orf.at/history/Die-Aera-Kreisky/6284171/Kreisky-LernenS-ein-bissl-Geschichte/6565177
(2) https://www.kultur.or.at/Presseaussendungen/03.03.2019/

Windrad. Mafia. Formular.

corleoneKontrollwahn vernichtet das Förderwesen, neue Modelle sind gefragt. Schuld hat auch die Freie Kulturszene selbst.

In Sizilien stehen Windräder. Die Mafia hat über Strohfirmen europäische Fördermittel zum Ausbau der Windkraft erhalten. Gebaut wurden einige Räder, die meisten wurden niemals errichtet. Aber abgerechnet. Aufgeflogen ist der Schwindel durch Zufall, weil Beamte aus Brüssel nach Sizilien flogen. Nach Besuch eines Windrads, einem Mittagessen, ist man an den weiteren Rädern nur aus der Ferne vorbeigefahren worden. Als die Prüferinnen & Prüfer eines davon besuchen wollten, entpuppten sich diese als Attrappen. Potemkinsche Dörfer. Aus Sperrholz.

Schauplatzwechsel. Wien 2004. Aus Unzufriedenheit über die Qualität der Vergabe fordern einige Player der »Medienkunst« eine Selbstverwaltung der Förderungen. »netznetz« heißt die Initiative, viele machen mit. Die Verwaltung lenkt ein, ein Teil der Mittel werden zur selbstgewählten Verteilung an diese Initiative ausgeschüttet. Nach anfänglicher Euphorie, Experimenten nach Spieltheorie, versinkt die Szene in einem Verteilungskampf, der bis zu wechselseitigen Klagsdrohungen führt. Das Experiment wurde einige Jahre später weitgehend eingestellt.

Was ist aus den Beispielen zu lernen? In beiden Fällen hilft der Hausverstand: Finanzielle Selbstverwaltung funktioniert aus der Weisheit »Beim Geld hört sich der Spaß auf« nicht. Davor wurde in Wien gewarnt, diese Warnungen aber ignoriert. So geht es nicht.

Die »Windräder« hingegen führten zu Steigerungen von »Qualitätssicherung«. Immer mehr Dokumente, immer aufwändigere Anträge und Abrechnungen für alle. In ganz Europa. Auch innerhalb von Österreich. Nur: Die sizilianische Bevölkerung wusste, dass nur ein Windrad existiert. Man hätte sie nur fragen müssen. Jemand hätte »dort« sein müssen.

In der Qualitätssicherung gibt es einen Grundsatz: wer sie will, muss sie auch bezahlen. Haben Sie schon einmal davon gehört, dass jemand dafür mehr Mittel bekommt? Ich nicht. Das heißt, dass ein Theaterstück, dessen Produktion durch zusätzliche Formulare verbessert werden soll, sich verschlechtert, weil weniger Schauspielerinnen bezahlt werden. Dafür mehr Leute, die Formulare ausfüllen. So einfach ist das.

Die Freie Kulturszene Salzburgs will keine Selbstverwaltung, noch keinen Kontrollwahn. Dafür sind Hausaufgaben an Transparenz selbst zu leisten. Wer Bilanzen voreinander und vor der Öffentlichkeit verheimlicht – wie es leider üblich ist – darf sich über Kontrolle im Auftrag der Öffentlichkeit nicht wundern.

Und die Mafia? Wurde in den letzten Jahren durch Einheimische in Sizilien zurückgedrängt. Nicht durch bessere Formulare aus Brüssel, aus Wien, aus dem Land Salzburg.

Alf Altendorf ist Geschäftsführer des Community Radios »Radiofabrik« & kaufmännischer Geschäftsführer des Freien Fernsehens Salzburgs »FS1«. Beide veröffentlichen ihre Bilanzen.
Er ist im Vorstand des »Dachverbands Salzburger Kulturstätten«, im »Fachbeirat Medien des Landeskulturbeirats des Landes Salzburgs« und im Vorstand des nationalen »Verbands Freier Radios Österreich«. Überall kämpft er für effektive Vergabekriterien und Transparenz. Und war in Sizilien auf Urlaub.