Love – Hate – Synthesis. Are Dialogues possible? (BFR 11/2018)

(von Alf Altendorf für d. Rundbrief d. Deutschen Bundesverband d. Freien Radios )

Der Niedergang des Westens erscheint am Beginn des 21. Jahrhunderts unaufhaltsam. Von unerträglich hohem Niveau ausgehend und notwendig.

Nach Jahrhunderten Dominanz und einhundertfünf­zig Jahren totaler globaler Hegemonie muss sich der Westen wieder dem Wettbewerb mit anderen Kul­turen stellen. Seine als universell postulierten Werte stehen auf dem Prüfstand. Von Außen. Von Innen.

Jenseits von militärischer Überlegenheit wurde dieser Wertekanon lange überschätzt. Leitkulturen waren schon immer primär „Kulturen der Waffenmacht“. Und nur sekundär „Kulturen geistiger Überlegenheit“: Das antike Griechenland degenerierte zum intellektu­ellen Entertainer im römischen Imperium. Das Jahr­tausende alte China versank über zwei Jahrhunderte zum Fußball zwischen westlichen Imperialismus und japanischem Rohstoffbedarf.

Zyniker wie Samuel P. Huntinton reduzieren über­haupt die historisch eigenständige Leistung des Westens auf zwei Sekten. Mit zwei Chefideologen : „Die Aufklärung“ – Voltaire . „Der Kapitalismus“ – Adam Smith . Der Rest – von Religion bis Kunst – sei eher Antizipation und Vereinnahmung fremder Lei­stung. Mit anschließendem Recycling und Verkauf als eigene.

Die Faszination, die westliche Kultur ausübt, beruht nicht nur auf Gewaltmonopol. Beziehungsweise Anspruch darauf. Sondern auf diese Gewalt stützende wirtschaftliche Überlegenheit. Der kapitalistischen Wettbewerb und sein Erfolg mag – im Ideal – freie Konkurrenz ums beste Produkt bedeuten. In Praxis aber auch „Krieg mit anderen Mitteln“ wie Ver­nichtung von Ressourcen und Humankapital oder Diebstahl geistigen Eigentums sein. Profit heiligt die Mittel.

Waren die Raubzüge der Industrie im Industriezeit­alter noch mit Aufwand verbunden – illustriert im Abenteuerroman durch „Stehlen von Blaupausen und Prototypen“, also materialisiertem Wissen, bietet die materielose Wissensgesellschaft einen perfekten Nährboden für perfekte Verbrechen.

Der Theoretiker und Künstler Armin Medosch beschrieb diese kriminelle Energie kürzlich kritisch anhand Web 2.0:
„(…)So called Web 2.0 or social software platforms such as YouTube, Myspace, Facebook, Flickr, are the most prominent examples of a new industry which threatens a new enclosure movement. First, in the attention economy of the mainstream media we hear a lot about those but nothing about this other world of free software which has created the conditions for those venture capital funded network platforms to grow. Secondly, also free and open source software programmers live within a capitalist economy which forces them to earn money. A process of buying up scores of key people form free software projects to work on those proprietary projects can already be observed. And last not least the copyright industry is trying to clamp down on the free exchange of infor­mation and is trying to cripple the hardware architec­ture of computers and the inner working of the net in order to install global copy protection schemes. Finally, the paranoid militant nation state is seeing it as its good right to install surveillance architectures to monitor the global flows of information.“ (Armin Medosch, „45 RPM / Revolutions Per Minute – Radio Art Histories Remixed, Maxi Single Version, 2007 – http://ung.at/cgi-bin/twiki/view/Main/RevolutionsPerMinute ) 

Der Kapitalismus als „Wegelagerer von Ideen“ befand sich für eine kurze Dekade im Siegestaumel. Der Sieg über seinen jüngeren, idealistischen Bruder „Marxismus“ führte in die neoliberale Sackgasse und Selbstüberschätzung. Die Zeche für Ellbogen-Profit Einzelner bezahlt die Gemeinschaft. Mit Klimacrash. Kapitalmarktcrash. Dem Stamm-Kapital der Mensch­heit. 

Welche Rechte das heute weltweite kapitalistische System dem Individuum zugesteht, steht mehr in Frage als das Prinzip „Marktwirtschaft“. Die Aufklärung stellt die individuelle Vernunft in den Mittelpunkt, ist also „anti-kollektivistisch“, und „antiautoritär“. Auch wenn reines Vernunftdenken als „Moderne“ inzwi­schen überholt sein mag, Zivilgesellschaft in Form „individueller Widerstand gegen das System“ ist ohne sie kaum denkbar und Wesensmerkmal moderner westlicher Gesellschaft. 

Kaum verwunderlich, dass Kulturen – wie beispiels­weise die asiatische mit Betonung des Kollektivs – Zivilgesellschaft nicht nur als westliche Importware ablehnen, sondern vielmehr auf Inkompatibilität mit eigenen Werten verweisen.

Gibt es überhaupt universelle Werte? Ohne kulturell-historische Determinierung? Ohne Vereinnahmung von Playern im globalen Kampf? Gern wird auf Men­schenrechts-Konventionen und ähnliches gedeutet, nur lässt sich darauf einwenden, dass diese zu Zeiten hegemonialer Hochblüte des Westens – zumindest der amerikanischen nach dem Zweiten Weltkrieg – formuliert und etabliert wurden. Spötter behaupten sogar, dass in einer zunehmend multipolaren Welt völkerverbindender Kitt wie UNO, Menschenrechte und ähnliches – müssten sie neu beschlossen oder erst gegründet werden – wenig Realisierungschance hätte. 

Bertolt Brecht, Meister markiger Sprüche in agitpro­per Überhöhung, bringt das Spannungsverhältnis zwi­schen Ökonomie und Freiheit auf den Punkt: „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral“.

Angewandt auf Civilmedia, Kommunikation und Technologie heißt es Digital Divide – mediale Emanzipation ohne Einbeziehung sozialer Fakto­ren, ein intellektuelles Spielzeug westlicher Eliten. Gefangen im Strudel aus „Aufklärung“ und Califor­nian Ideology das Hobby naiver Weltverbesserer und Gutmenschen, die erst recht nach Feierabend ihrem privaten Hedonismus frönen. Von Dialogen reden und gut gemeinte Monologe bewirken. Und in der Umar­mung einen rassistischen Witz mit umgekehrten Vor­zeichen einlösen: „Ich liebe Neger. Jeder sollte sich einen halten“.

Von Geschmacklosigkeit analoger Bauart sind auch die Community-Medien Mitteleuropas verseucht. So wenig mitteleuropäische Bildungssysteme Durchläs­sigkeit für MigrantInnen im Aufstieg erzeugen, so rar sind MigrantInnen – trotz Diversitäts-Geschwurbel – in den Organisationen vertreten. In Positionen mit Einfluss und Beschäftigungsverhältnissen. Dafür als Manövriermasse im geschönten Selbstbild gerne gese­hen. Dialoge sehen anders aus.

Vielleicht muss einfach akzeptiert werden, dass wir uns auf supra-kultureller, globaler Ebene wirklich wenig zu sagen haben. Dialoge schlicht unmöglich und sinnlos sind. Vielleicht sind punktuelle Diskus­sionen mit Ergebnis in einzelnen Sachfragen möglich: „Klimakollaps ja oder nein?“ Geht vielleicht. Der Rest ist Rauschen und unverständlicher Monolog.

Worüber wir reden können und müssen, sind Fragen der inneren Organisation von Civilmedia . Also auf „communaler“ Ebene. Wie egalitär ein Nebeneinan­der erzeugen? Wie emazipativ einen Culture-Clash aushalten? Wie Hierarchien – wo sie notwendig erscheinen – so zu bauen und leben, um allen gleich­wertig Chancen zu bieten? Hier hat Dialog Sinn. Und geht vielleicht.

(von Alf Altendorf, Radiofabrik Salzburg )