RADIOTIC – SONOPANIC – Die Wiener Piratenradios 1991 – 93 (ide 1995)

Auszüge eines Texts für Doris Moser, Universität Klagenfurt, in „ide – Informationen zur Deutschdidaktik“, 1995

Radio ist ein ideales Medium. Es ist sehr effektiv. Es transportiert Information und bietet Unterhaltung, während wir Auto fahren, Geschirrspülen (1), die Zeitung lesen, arbeiten. Wir können mit Radio Multitasking (2) betreiben.

Radio ist ein altes Medium. Radio ist vorallem ein sehr billiges Medium, und existiert mehr noch als das Telefon auf der ganzen Welt. Es braucht keine Leitungsnetze oder gigantische Super-Highways.

Es ist das demokratischste Medium. Jede/r kann sich ein Radio leisten oder sich sogar mit einem Materialwert von ein paar Bucks ein Radio selbst bauen. Und mit ein wenig mehr Aufwand auch seinen Sender.

Diese Sender existieren selbst in den abgelegensten Plätzen dieses Planeten, betrieben mit einem Dieselgenerator oder einer Autobatterie und ohne technisches Wissen. Radio ist das Medium der Armen. Des Widerstandes, der Revolution und der Subversion. Und deshalb traditionell streng reglementiert (3) . Alle Medienmonopole wurzeln einem autoritären Gesellschaftsverständnis und sind auch meist in solchen Zeiten entstanden.

Wir haben das Radio vergessen. Es ist uns vergessen worden.

„Investigative reporting via directional microphone and bug. Radically public and business management. The strategy of the eavesdropper as political vandal. Illegal, much talked about“ (4)

Radio ist ein billiges Medium. Und  geradezu eine Einladung, es selbst aktiv zu betreiben. Besonders, wenn es verboten ist. Das wird Piraterie genannt, und illegale Radiobetreiber nennen sich auch meist selbst so.

Doch wenn „der Pirat“ ein bunt bemützter Seefahrer ist, der fremde Schiffe überfällt, betuchte Frauen schändet und mit den erbeuteten Schätzen wieder abdampft, dann sind „Radiopirat*innen“ keine im engeren Sinn. Viel eher ist der Radiopirat ein romantischer „elektronischer Wildschütz´“, der seine Antenne in einen unbenützten Himmel streckt, den staatliche Autoritäten für sich beanspruchen aber nicht vergeben. Elektronische Störfälle legaler Sendestationen bleiben im allgemeinen die Ausnahme und sind aufgrund der dafür notwendigen großen Sendeleistung auch schwer zu realisieren. (5)

Vorläufer

Europaweit erfolgte der Boom der Radiopiraterie im Gefolge der Studentenrevolten der sechziger Jahre, der daran anschließenden autonomen Bewegungen, und der begleitenden Hausbesetzerszene. Da diese Bewegungen sich in den öffentlich-rechtlichen Verlautbarungsmedien nicht repräsentiert fanden, andererseits akuten internen Kommunikationsbedarf besaßen, wurde sehr schnell illegales Radio eingesetzt. Damit wurde gleichzeitig der Auslöser zu einer allgemeinen Liberalisierung elektronischer Medien gedrückt.

„Wer hat den Wienern beim Scheißen das Mikrophon unter den Arsch gehalten“ (6)

In Wien gab es während der achziger Jahre mehrere temporäre Piratenprogramme. 1982 war dies eine kleine Initiative mit „ÖFrei“. Während des Studentenstreiks 1986 und auch während der Waldheim-Auseinandersetzungen im Wahlkampf zur Bundespräsidentschaft wurde  „Radio Widerstand“(7) organisiert. Gesendet wurde aus fahrenden Autos und als besonderer Gag direkt neben der Waldheim-Villa in Wien-Döbling. Hierbei erfolgte auch eine erste Verhaftung durch die Funküberwachung.

Anfänge

Allerdings brachte es keine dieser Inititiativen über einige Versuchsendungen ohne besondere Bekanntheit bei geringer technischer Reichweite hinaus.
1988 wurden die besetzten Häuser „Ägidigasse/Spalofskygasse“ gewaltsam von der Polizei geräumt. Teile dieser Szene reagierten mit hektischer kultureller Aktivität und schließlich in der Gründung des Flex, einem Veranstaltungsort für internationale Hardcore-Bands und bald Sammelbecken der interessantesten Musiker Wiens. Mit der äußerst erfolgreichen Konzertreihe „Boiler-Live-Pool“ konnte das Flex auf eine solide Basis gestellt werden, wobei die Ö3-Musicbox noch für besondere Publizität durch Konzertübernahmen sorgte.

Durch die drohende Verlegung der Musicbox auf den Abendtermin wurde 1990 von einer kleinen Gruppe der Flex-Crew und der Künstlergruppe „Radio Subcom“(8) der Entschluss gefaßt, ein eigenes Radiosystem aufzubauen, als Gegenöffentlichkeit mit konkreten medienpolitischen Zielsetzungen.
Immerhin war zu diesem Zeitpunkt Österreich (mit Albanien und Luxemburg) das einzige Land Europas mit einem staatlichen Radiomonopol.

Trotz einjähriger Anlaufzeit und ausreichenden finanziellen Mitteln scheiterte das Projekt vorerst an technischen Schwierigkeiten (9). Erst als die zu diesem Zeitpunkt dazugestoßenen Thomas Madersbacher (10) und der spätere Senderentwickler Dr. Ötker (11) Bausätze aus der Schweiz beim Radiopionier und Senderbauer Christoph Lindenmaier organisierten, konnte dieses Problem gelöst werden. Diese Sender sollten an alle Interessierten weitergegeben werden, mit der einzigen Auflage, sie auch einzusetzen. Eine weitere wichtige Grundlage war die zu diesem Zeitpunkt sehr günstige rechtliche Ausgangslage, die Verletzungen des Rundfunkgesetztes in der Größenordnung einer Strafe wegens Falschparkens ahndete.

Beginn, Boiler

Parallel wurde bereits mit Gabriel Liedermann, einem Anwalts-Aspiranten(12), und Sepp Brugger von der Grünen Partei an der Ausarbeitung eines Rundfunkgesetztesentwurfes gearbeitet. Besonders durch diese Aktivitäten war die geplante Aktion bald als Gerücht allgemein bekannt, die Erwartungshaltung dementsprechend hoch.

„Radio Boiler ist so eine Spaßguerilla, Jeden Mittwoch segeln wir auf Freibeuterfahrt durch den Wiener Äther“ (13)

Am 31. März 1991 20h wurde das erstemal für 15 Minuten gesendet, gleichzeitig von drei Standorten im Wienerwald. „Radio Boiler“ war geboren, abgeleitet vom erwähnten „Boiler-Livepool“. Am 22. Juni nahmen das Schwulenradio „Radio Filzlaus“ („Heterophobe\r\nHomophobie, Schwule funken dazwischen“) und „Radio Breifrei“ ebenfalls den Betrieb auf, am 3. Juli „Radio Hotzenplotz“.

Ab diesem Zeitpunkt war auch in den Wiener Tageszeitungen „AZ“ und „Standard“ eine eigene Rubrik für Programmankündigungen zu finden, für Publizität war somit gesorgt. Selbst konservative Leitblätter wie „Die Presse“ widmete den Piraten bald zumindest wohlwollende Kommentare.
Überhaupt ist diese enorme Publizität besonders im nachhinein auffallend und läßt auf hohe Akzeptanz und Hoffnung vieler Journalisten für die Ziele derartiger Aktionen schließen: der „Radiopirat“ als sympathischer, unblutiger  „Terrorist“, der den „medialen Kerker Österreich“ mit unkonventionellen Mitteln zu sprengen versucht.

Die Organisation war lose. Jede Gruppe hatte aus dem Pool einen eigenen Sender gekauft und führte das „Senden“ selbstständig durch, die  Koordination bestand in regelmäßigen Treffen im „Rüdigerhof“ (14), wo auch die medienpolitische Arbeit besprochen wurde, und technischer Zusammenarbeit.

Die Ausrüstung war einfach aber zweckmäßig, weil leicht transportierbar. Neben dem batteriebetriebenen Sender eine Kunststoffplane mit aufgeklebten Alustreifen als  Antenne, ein Walkman zum Abspielen von Vorproduktionen und ein Mikrophon für Live-Sprache.
Den Sendetrupp begleiteten meist noch mehrere Beobachter, deren Aufgabe darin bestand, das Gelände nach möglichen Fahndern der Funküberwachung und der Exekutive abzusuchen.

Der erste Einsatz gegen die Piraten erfolgte nach der dritten Sendung, blieb aber trotz eines Hubschraubereinsatzes erfolglos. Auch bei nachfolgenden Einsätzen erwies sich der Wienerwald als idealer Schutz, da sich elektromagnetische Quellen zwischen feuchten Bäumen bei schlechter Sicht in der Dämmerung nur sehr schwer orten lassen. Besonders bei Sendezeiten von fünfzehn Minuten. Auch wurde sehr schnell von den Piraten mit ferngesteuerten Sendern gearbeitet (15), sodaß keine Personen direkt am Sendeort sein mußten.  Dennoch war der „Sendestreß“ ab diesem Zeitpunkt sehr hoch und immer wieder mußten Sendungen verspätet begonnen, abgebrochen und wieder aufgenommen werden.

Glücklicherweise stellte sich die technische Ausrüstung der Funküberwachung als mangelhaft heraus, die in derartige nahezu miltärische Geländeeinsätze mit unter anderem  auf Privatautos gebastelten Ortungseinrichtungen(16) zog, begleitet von überforderten Exekutivbeamten, sodaß niemals einer der „Waldpiraten“ gestellt werden konnte. Dennoch war der Aufwand hoch: mit bis zu sieben Peiltrupps zu drei Personen der Funküberwachung, mehrmaligen Hubschraubereinsätzen des Innenministeriums und begleitenden Strassensperren mit Personenkontrollen durch die Polizei besonders um den Wienerwald. Auch wurde bereits an den Einsatz von Diensthundestaffeln gedacht (17).

Genauso enorm waren die Kosten. In Beantwortung der parlamentarischen Anfrage einiger Grüner Abgeordneter vom 8. Juli 1991 belief sich der Aufwand der Post innerhalb von nur vier Monaten auf „930 Überstunden B-Beamte, 307 Überstunden C-Beamte, 149 Überstunden D-Beamte, 6670km Kosten für zurückgelegte Kilometer“ (18). Nicht eingerechnet in dieser Aufschlüsselung waren weitere Kosten des Innenministeriums für Personal und Flugstunden. Selbst leitende Beamte der Postdirektion gestanden auf Journalistenfragen ein, daß „mit Kanonen auf Spatzen geschoßen wurde“(19).

Öffentlichkeit

Die Peinlichkeit dieser Anfrage und Ihre hämische Publikation in fast allen Medien (außer dem ORF(20))resultierte in einer gewissen Dosierung der Einsätze und einer zeitweiligen Einstellung der Hubschrauberflüge.

„Fisch-alles vom Fisch, für die Fisch´“ Radio COD

Den Sommer über blieb es relativ ruhig, sodaß immer wieder Sendungen von Standplätzen in der Stadt abgestrahlt wurden, worauf sich wieder die Fahndungsmaßnahmen verstärkten.
Immer mehr Stationen nahmen den Betrieb auf, Stationen wie Radio COD und Radio TU weiteten das Spectrum auf. Ende Oktober war ein Stand von 7 Stationen erreicht und der Sendeplan wurde auf ein tägliches Programm erweitert.

Mo    COD
Di     Breifrei/Radio Ottakring    Zorn
Mi    Boiler    Filzlaus
Do    Hotzenplotz
Fr    TU
Stand: Oktober 1991

Parallel setzte auch in den Landeshauptstädten ein  Boom an Piratenradio-Initiativen ein und bald gab es kaum ein Bundesland, wo zumindest nicht einmal pro Woche illegal gesendet wurde.
Mit dem drohenden Winter wurden die Sendeplätze in die Stadt verlegt. Meist stellten befreundete Personen oder sogar Firmen Ihre Dachböden zur Verfügung. Allerdings erforderte die wöchentliche Organisation dieser Orte einen hohen Arbeitsaufwand und es wuchs die Gefahr möglicher Beschlagnahmungen durch schlechte Fluchtmöglichkeiten.

Die erste Phase des Wiener Piratenradios endet mit einer öffentlichen Pressekonferenz  Anfang Oktober 1991. Bis dahin wurde nur gemutmaßt, welche Personen sich wirklich hinter den Aktionen verbergen, die Piraten waren anonym beziehungsweise nur durch Ihre Pseudonyme bekannt. Das Radio bekam damit einen mehr öffentlichen, politischen Charakter, weg Aktionismus einiger Subkulturgruppen zu einer breiten Organisation. (von Alf Altendorf am 30. September 1995)


(1) der Begriff des sog. „Kitchen-Radios“ stammt von Heidi Grundmann
(2) Computerspeech: die gleichzeitige Abarbeitung mehrerer Aufgaben („tasks“)
(3) die Geschichte der RAVAG bis zum heutigen ORF ist dafür exemplarisch, soll aber kein besonderes Thema hier sein.
(4) Radio Bug, NL
erschienen in Mediamatic Vol 6#4 „OOR=EAR, Amsterdam“
(5) während z.B. ORF-Transmitter mit KW-Leistung senden, werden von Piraten meist 10Watt-Sender eingesetzt. Leistungsstärkeres Equipment ist kaum mehr transportabel, schwer mit Energie zu versorgen und für Beschlagnahmung sehr anfällig.
(6) aus:Pressemappe der Wiener Piratenradios, März 1992
(7) durchgeführt von Willi Stelzhammer (FERL-Federation Europeénne  des Radios Libres) und dem „berühmten“Lindenmaier, ein Schweizer Arzt, der sich später als internationaler Lieferant von Sendebauteilen einen Namen machen sollte. Die FERL war immer etwas in Verruf wegen Ihres Naheverhältnisses zur Sekte der „Longo Mai“, die in Ö. vorallem durch trabende Schafherden bekannt ist.
(8) Armin Medosch, Antonia Neubacher, Urs Blaser
(9) die eingesetzten italienischen Sender erwiesen sich trotz unverhältnismäßiger Einkaufspreise als unzuverlässig. Erst als die Bauteile aus der Schweiz bezogen wurden, konnten die Probleme behoben werden.
(10) Thomas Madersbacher war in weiterer Folge Sprecher der Piraten und späteren Freien Radios. Er gründete mit dem Autor 1994 Kanal4 (K4), das er mit Rüdiger Landgraf bis zur erfolgreichen Bewerbung für eine Wiener Lokalradiofrequenz Ende 1995 als Projektmanager leitete.
Und war später gemeinsam mit dem Autor Geschäftsführer von TIV. Heute ist er Geschäftsführer von GOTV)
(11) Deckname. Nahezu alle von späteren österreichischen Piraten eingesetzten Sendeanlagen wurden von Dr.Ötker gebaut
(12) heute Anwalt
(13) Presseaussendung der Piraten, 1992
(14) ein Cafehaus im 5. Wiener Gemeindebezirk
(15) z.B. durch Radio Hotzenplotz
(16) sic: authentische Originalbeobachtung!
(17) lt. Franz Katzenbeißer, Leiter Funküberwachung Wien, in: SBG. Nachrichten, 8/91
(18) aus: Stenographische Protokolle d. öst. Nationalrates, 8/91
(19) aus:  ALTERNATIV, 2/92
 (20) die Berichterstattung des „ORF-Aktueller Dienst“ während der gesamten Piratenzeit war nahezu null, obwohl die „Musicbox“ wie erwähnt zu den indirekten Geburtshelfern gehörte und auch hin und wieder direkt Beiträge der Piraten ausstrahlte.