„Fuck the shitart, let’s kill – Wenn die Post von Netznetz klingelt“ (Kulturrisse 06/2006)

(Erschienen in Kulturrisse 06/2006)

Eine der mühsamsten Eigenheiten elektronischer Kommunikation ist Penetranz. Mit der sich Email und Konsorten in den Vordergrund computergestützter Arbeit drängen. Kaum jemand kann der Versuchung widerstehen, den Mailslave angedreht zu halten. Egal ob ein Pamphlet verfasst, eine Karikatur entworfen, eine Intrige geplant, ein Virus gecodet oder Krach gecutted wird.
Pling, Blobb, Boing, Mails bimmeln, Fenster gehen auf – wieder ein neues Mail – und der gerade Gestalt annehmende niedrige Gedanke wird durch irgendeine Mistbotschaft abgewürgt. Der nachgegangen werden muss. Neugier ist menschlich.

Mühsamer wird es, Mailinglisten abonniert zu haben. Erhöht die Frequenz der – wenn auch gewollten – Störung. Endgültig lästig, wenn eine davon unter Headern wie „Schutzgeld & Terrorismus, Law & Order, Richtigstellung, Klarstellung, Mobbing, Üble Verleumdung, Trottel, Irrenhaus, Verarsche, Pissings, Täter“ und so weiter mit Inhalt lockt. Und – wer weiter liest – ausbreitet. Warum weiter lesen?
Voyeurismus ist ebenfalls menschlich. Und geil.

Nun soll hier weder einer biederen Form von „Sauberkeit“ die Stange gehalten werden. Die Welt ist nicht sauber. Selbst im Wien der von Kehrniggern saubergeleckten Trottoirs und Hundekack-Kampagnen nicht. Noch muss gleich jede Scheisse selbst in den Mund genommen werden. Was vielleicht als bizarrer BDSM-Ritus Marke „Ekeltraining Aleister Crowley“ in trauter Privatheit durchgeht. Und öffentlich sonst nur vom krabbelsabbernden Nachwuchs praktiziert wird. Und im „kleinen Dorf voller digitaler Dorftrotteln“ namens „Netznetz.net“ und seiner Müllliste. Hier fliegt der Kot an Verbalinjurien in Oralhöhe. Schon seit langem.

Wer in der seit 2004 bestehenden List damit angefangen hat, darüber gehen naturgemäss die Meinungen auseinander. Sein Fähnchen steckt Günther Friesinger, Mitglied beim Kunsts(h)owjet „Monochrom“ und Koorganisator der Netznetz-Parade „Paraflows – Paraflöhe“ im Herbst, in „Trolle“. So heissen Provokateure im „netspeech“. Wie dem Medientheoretiker „Crackpfeife“ F.E. Rakuschan, der seine Statements gerne mit „schiesst sauber“ beendet. Oder den Altkünstlern Graf+Zyx, die kürzlich ihre morschen Knochen dem Kulturstadtrat per offenem Brief nachwarfen. Nachdem Mailath im Nachrichtenmagazin „Profil“ bei netznetz sinngemäss einen Krieg „Netzopas versus Web2.0-Kiddies“ ortete, forderten Graf+Zyx den Stadtrat zum Rückzug ins Parteialtersheim auf.
Beide, Rakuschan und Graf+Zyx, sind Kritiker von Netznetz. Während erster vorallem die Klüngeleien der im Quartier21 versammelten Organisationen/Personen mit der Kulturverwaltung moniert und „politisches Bewusstsein“ einmahnt, kritisieren zweitere eher das strukturelle Abwicklungschaos von Netznetz. Und beide verwenden scharfe rhetorische Munition, die andere, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, als „Inkontinenz“ bezeichnen: In Sache richtig, in Form daneben.

Günther Friesinger will „gezieltes Abschiessen von Netznetz durch Rakuschan“ sehen. Dieser kontert, dass „davon keine Rede sei“. Ihm gehe es um „Neuanfang“, den schweigende Mehrheiten ebenfalls fordern würden. Johannes Grenzfurthner, Monochrom-Präsident, räumt ein, „dass die Stadt alternative Förderwege neben netznetz schlecht kommuniziere“, die natürlich weiterhin offenstehen würden“. Friesinger und Grenzfurthner betonen, man habe sich auch „mit Rakuschan getroffen, um Probleme auszuräumen“. Dieser will davon nichts wissen und meint, „man habe mit ihm bei einer Veranstaltung Smalltalk geführt“. Dass dies ein „klärendes Gespräch gewesen sein solle“, sei ihm neu.

Post von Netznetz bekam im November Rakuschan. Analog. Monochrom klagte ihn nach Medienrecht §6, was laut Law „Üble Nachrede, Beschimpfung, Verspottung & Verleumdung“ heisst. Johannes „Ende der Nahrungskette“ Grenzfurthner, auch Ex-Koordinator Netznetz, meint dazu, „Prominente wie er sollen aus Netznetz herausgekämpft werden“. Er bekomme Anrufe aus Deutschland, „warum Monochrom die Netbase ermeuchelt habe“.
Ob „Satanist“ Konrad Becker und „Ex-SJ-Funktionär“ Martin Wassermair – beide Ex-Public Netbase – dies bezeugen wollen, ist unbekannt. Sein Posting mit „SJ-Bonzen“ musste der Ex-Netznetz-Koordinator Stefan Lutschinger, „ehemaliger Sexarbeiter“ und heute Organisator, zurücknehmen, nachdem er sich „falsch erinnert“ hatte. Oder „vergoogelt“? Blöderweise wird die gesamte, eigentlich geschlossene und unmoderierte Liste weltweit veröffentlicht.

Mehr Probleme mit juridischer Eskalation hat deshalb der „Anfang der Nahrungskette“: Listbetreiber „der langohrige Esel“ Lorenz Seidler. Und seit einem Jahr auf Distanz zu Netznetz. Auf Anfrage meint er hilflos, „er sei nie auf rechtswidrige Inhalte hingewiesen worden“ und „Poster sollten eigentlich wissen, dass veröffentlicht wird“. Aber es sei „kein Ziel, Differenzen per Klage auszuräumen“. Mit Vorschlägen einer Moderation sei er „nicht durchgedrungen“. Grenzfurthner sieht die Moderationsfrage anders. Er „plädiere für eine offene Gesellschaft“.

Wie der gerichtliche Nachttopfkampf endet, wird sich zeigen. Bei Ausschöpfung aller möglichen „Schlammklags“-Varianten könnte es eng mit Medienanwaltsbüros werden. Lorenz Seidler sucht jedenfalls auch schon nach anwaltlichem Beistand.

Im HipHop kennt man „freestyle battling“. Ein Gegner wird mit möglichst cleveren „Rhymes“ und „Insults“ gedemütigt, und antwortet seinerseits mit noch besseren Reimen. Ursprung ist ein afroamerikanisches Trashtalk-Spiel namens „The Dozens“.
Wie sowas geht und daneben gehen kann, erzählt NewJournalism-Ikone Tom Wolfe in „Bonfire of the Vanities (Fegefeuer der Eitelkeiten)“: In der Bronx saufen, koksen befreundete Kleingangstas. Spielen „The Dozens“. Beleidigen sich ungeheuerlich. Bis einer den Revolver zieht, dem anderen ins Herz schiesst, dann schluchzend kollabiert. „My Friend. I shot my friend…“.

Dass in Wien gesoffen wird, ist Allgemeingut. Und die „Rauch & Saufstadt“ hält laut einer APA-Meldung – kürzlich wurde das Donauwasser untersucht – im weltweiten Kokser-City-Ranking den respektablen zehnten Rang.

PS: Die im Text verwendeten Schimpfworte, Nicknames etc. geben keine Meinung des Autors wieder, sondern wurden meist per Volltextsuche aus der Netznetz.net-Maillingliste entnommen. Andere wenige frei erfunden. Happy Surfin´. Finden Sie´s raus.
Und Happy Slapping, netznetz!

Alf Altendorf ist selbständiger Kulturmanager und Medienberater. Er ist Subscriber der Netznetz-Mailingliste, bei Netznetz selbst aber nicht aktiv engagiert.

„Sex, Drugs, Perlscripts – die Party ist vorbei“ (Malmoe, 11/2004)

(Erschienen in Malmoe 22, 11/2004)

Netzkultur: Utopien bröckeln, Zeit für Fragen

Der TechWestern Internet pustete Anfang 1990 Medienkunst ins Zentrum von Innovation. Kondensation: neue Disziplin Netzkunst. NetzkünstlerInnen, Freibeuter in Skills & Improvisation (DER Traum jedes IT-Jobprofilings), prägten maßgeblich die neue “cultural-rooted” Info-Elite als Systemarchitekten. Das war neu. Kunst als R&D-Division. Outsourced.

Die Avantgarde der Netzkultur ist OVER. Nicht in Bezug auf Einzelprojekte, sondern bezogen auf Bewegung. Weder ist sie mehr Elite per se (neue Info-Eliten sind breiter, demokratischer – Creative-Industry – hat mit Kunst kaum mehr zu tun), noch kann sie auf merkbare Vorsprünge pochen. Weil: Coden kann jeder. Die wichtigsten Anwendungen kann jeder. Niemand fürchtet sich vor Kommandozeilen. Server: keine alienated monster. Kinder stecken dir zum Frühstück Maschinen zu Lanparty-Networks zusammen. Niemand braucht aufgeblasene Netzkünstler, die neue fremde Welten erklären.

Netculture schwelgt im symbolischen Kapital, das längst ausgegeben wurde. Heute wird sie schlicht an dem gemessen, was sie konkret leistet. Und das ist in vielen Belangen nicht viel. Die irre Annahme, dass Screen-Klickorgien in abgefahrenen Interfaces oder amoklaufende Shell-Scripts unhinterfragt gute Kunst sind, cool, ist bestritten. Das war lange nicht so. Stadionrock? Viel Getue um nichts?

In der Frage nach ästhetischer Relevanz muss Netzkultur zur Kenntnis nehmen, dass sie in einfacher Konkurrenz zu anderen Disziplinen steht, die eine lange Tradition, mehr Erfahrung & „bessere Waffen“ in Entwicklung überzeugender Rezeptionserlebnisse besitzen. Beispielsweise Musik. Beispielsweise Film. Der Traum allumfassender virtueller Transzendenz (c/o Neal Stephensons „Snowcrash“), begeistert antizipiert, weil als künftiges optimales Interface eigener Designwahn-Allmachtsphantasien angesehen, ist ausgeträumt und lächerlich.

NetzkünstlerInnen “first generation”, sozialisiert im Stallmief der Moderne mit Fortschrittsglauben & Apollomissions, pubertiert in Punk & Hausbesetz, leben den postmodernen Ideologietransfer: kritisch – smart – Netzkunst. “Put a flower in your hair, an´a lappy on your knees”. Kann nicht gutgehn. Knietief watend im Zitronengras mitgeschaffener technischer Systeme geht Blick verloren auf wesentliche Fragen von Gesellschaft: Realität, nicht Virtualität. Offline, nicht Online. Gute Gesetze, nicht schicke Onlineformulare. Sozialkollektive Lösung, nicht fraktalautistische Hippness. “Boboismus”, Schimpf für “Bourgeoise Bohemians” (wähle grün, rede links, konsumiere, handle rechts). Hier tut Abgrenzung not.

Denn: Wenn Netzkunst politisch etwas mit der aktuell vitalsten Jugendkultur, der “Anti-Globalisierungsbewegung”, verbindet, dann Systemkritik. Unbehagen über Überwachungsstaat, Rechtsruck & Zentralisierung, Zweifel an Autorität politischer Eliten und deren Entideologisierung, Ablehnung des Apparats multinationaler Konzerne. Soweit lässt sich zustimmen. Soweit die Verbindung. Nur: als classic antiautoritärer Pop heisst ATTAC “eat the rich”. Gut im Sinne überfälliger Repolitisierung von Jugendkultur. Bemerkenswert, wie brandaktuell sich Manifeste der “Bewegung 2. Juni”, Ulrike Meinhofs & APO wieder lesen. Wohin das führt, ist bekannt. Und nicht Thema.

Deshalb: Besser Keyboards in Fenster DEREN Häuser schmettern, DEREN Services mit Denial-Of-Service Attacken killen? Spaß beiseite. Sicher nicht. Die Netzkultur saß lange AM Sushibuffet. IN den Häusern. Jetzt sitzt sie UNTERM Buffet. Wie vorher. “Reclaim the Net” lässt sich als “zurück AUF den Tisch mit dem Scheiss-Buffet” deuten. Wird nicht einfach. Sondern sauschwer. Netzkultur war MEHR Teil von Establishment, als sie selbst wahrhaben wollte. Peristaltik, die sie mit jeder erfolgreichen Kunst teilt (deshalb werden KünstlerInnen in politischen Bewegungen als Agenten der Restauration beschnüffelt). Nur hält sie sich aufgrund ihrer eigenen Geschichte selbst für eine politische Bewegung. Während Medienkunst historisch geradezu widerwärtig unpolitisch war (weil NIE Einfluss auf die Systeme), begreift sich Netzkunst widerwärtig politisch (weil am System mitgebaut).

Schönheit & Dreck ohne Funktion, ein wesentlicher Aspekt von Kunst, wird nach wie vor nicht gerne gesehen. Aufladung von allem und jedem Werk mit Sinn, Systemanalyse & politischem Zweck führt zur Verhedderung in
Diskursen, die völlig jenseits eigener Kernkompetenz “Kunst” liegen. Beispiel: Beschäftigung mit den rauchenden Trümmern traditioneller Verwertungssysteme, Entwicklung darauf aufbauender NEUER Modelle
ökonomischen Handelns, Profiterzeugens, findet sich so weit jenseits kultureller Praxis & Know-Hows, dass Diskurs darüber nur mentaler Durchfall sein kann. Hier ist Industrie unschlagbar gut. Wenn mögliche Funktion guter Kunst Inbeschussnahme = Infragestellung von bereits Vorhandenem ist, soll gleichzeitig auf ähnlichem Niveau Trümmerfrau-Strategie = Reparatur entwickelt werden? Oder: Ist gute Kunst, wie Grundlagenforschung, zu einem hohen Grad verantwortungslos, autistisch, asozial, kompromisslos, revolutionär und vor allem nutzlos?

Keine Schlüsse. Keine klaren. Sicher nur, dass die erste Generation von Netzkultur im unauflösbaren Konflikt aus Avantgarde-Anspruch und neuer Bedeutungslosigkeit trudelt. Deshalb gleich gegenreformatorisch den “unfriendly takeover” durch “Betriebssystem Kunst” auszurufen wie John Gerrard kürzlich im Namen des Futurelab der Ars Electronica (“computerbasierte Kunst Teil des regulären Kunstmarkts”), klingt lachhaft retro: Wesentliche Eigenheit der Netzkultur ist aufgeklärtes, selbstbestimmtes Wegerecht zu Publikum OHNE Museum oder Galerie.
Darüber hinaus? Äh, wie war die Frage? (Von Alf Altendorf, 11/2004)