Regen, nicht Regen? Kalt, zu kalt?

Wir schlagen uns jetzt schon seit Tagen Wetterberichte um die Ohren. Wer hat Recht? Interpretiert der Flughafen Salzburg die Daten genauer oder nicht? Warum ist der ORF prinzipiell optimistischer? Ist das Politik? Ist mehrstündiges stehen im Gatsch für Bands COOL – die Leute machen das doch eh dauernd, ok im Sommer – oder völlig daneben.

Sollen wir Reclaim the Park absagen oder nicht?

Websitebau nähert sich dem Ende – Uff ;-)

Nach wochenlangem Wording, Funktionen dazubauen und so weiter nähern wir uns einem Zwischenstand, mit dem wir leben können.
Auch wenn noch nicht alles passt: jedesmal, wenn ich den alten Website aufmache – als Archiv auch weiterhin unter history.radiofabrik.at zu finden – kann „mann“ sich kaum vorstellen, dass die Radiofabrik damit jahrelang leben wollte.
Was kommt als nächstes? Unser Blogging-Site. Na klar!

Situation Radiofabrik – Interview mit Radio Corax in Halle

Heute morgen war ich telefonisch bei Radio Corax zu Gast, um zur  Situation der Radiofabrik, der schwierigen österreichischen Situation für Community-Medien, und unserer Petition Stellung zu beziehen.

Manches ist für Deutsche nicht ganz begreiflich ;-). Kein Wunder!

„Freie Medien in Salzburg: die Radiofabrik – Impressionen eines Zuwanderers“ (Kulturrisse 10/2008)

(Erschienen in Kulturrisse 10/2008)

Erster Unterschied: Am Wochenende nur zwei Tageszeitungen. Zum Klauen. Klar, für Mediaprintprodukte wie Kurier und Krone gebe ich – seit langem schon –  keinen Cent aus. Drängelt sich in Wien an nackten Verkehrschildstangen ein Füllhorn an Blätter um zahlende oder „sparende“ LeserInnen, sind es in Salzburg-Stadt nur zwei. Schlechtes Gewissen für Diebstahl? Nicht angebracht. Wenn auch ungewollt steigere ich Auflage und Reichweite. Steigere die Preise für Anzeigenkunden. Und bin angeblich knallhart einkalkuliert. Im faktisch heiss umkämpften österreichischen Zeitungsmarkt. Die Abwesenheit des Platzhirsch „Salzburger Nachrichten“ in der praktischen Folientasche lässt vermuten, dass die SN ein weniger anzeigenabhängiges Geschäftsmodell hat. Vermutlich.

Zweiter Unterschied: der Briefkasten quillt über. Ich habe noch nie ungefragt so viel Post erhalten. Noch nie. Als ich zuletzt eine Woche lang den Kasten nicht ausräumte, gab´s Zurechtweisung vom mürrischen Zusteller der Post. Ich möge doch „endlich Platz machen“. Wofür? Ein gutes Dutzend Bezirks- und Grätzelblätter, Infomag´s von Stadt, Land – und was weiss ich noch von wem – füllen den Altpapiercontainer. Und sind – Surprise, Surprise! – manchmal journalistisch ambitioniert. Ich kann mich nicht erinnern, in einem Wiener Bezirksblatt jemals einen Innenpolitikteil gefunden zu haben. Mit recherchierten Artikeln. Mit Niveau. Selten. In Salzburg geht das.

Vermutung: der Arbeitsmarkt für Journalisten ist in Salzburg eng. Sehr eng. Gute Leute schreiben für Medien, deren Verbreitung hart an der Landesgrenze endet.

Sie merken, ich bin kürzlich von Wien nach Salzburg migriert. Und wundere mich. Wundere mich zum Beispiel über ratlose Suggestivfloskeln Salzburger JournalistInnen, die auf „Was einem denn HIERHER verschlagen habe?“, Erklärungen wie „Liebe“, „Erbschaft“ oder „Lebenskrise“ erwarten. Vermutlich. Und nach der falschen Antwort  – „Job“ – einem selber Herz und Magen über „Kinder“, „Pergola“ und „Karriereknick“ ausschütten. Ich habe selten einen Ort erlebt, wo sich Menschen – für Aufenthalt an demselben – so ausdauernd entschuldigen.

Um mich endgültig um Kopf und Kragen zu schreiben: Salzburg bietet eine hübsche Kulisse. So man im richtigen Stadtteil wohnt. Bietet grossartige Gebirgslandschaften in Umgebung. So man motorisiert ist. Der öffentliche Verkehr ist – nennen wir es – ausbaufähig. Hat eine vitale Kulturszene. So sie „festspielkompatibel“ am Establishment dockt. So lauten die Klischees. Meine Klischees. Die Wahrheit liegt nach einigen Monaten Erfahrung vorort – wie so häufig – irgendwo in der Mitte.

Tiefenpsychologischen Aufschluss bot kürzlich ein Statement einer Lokalpolitikerin. Im privaten Gespräch. „Freie Medien seien zu fördern, um vorallem Jugend zu halten“. Die Angst, als „good place to come from“ die Kreativindustrie „somewhere fucking else“ zu befeuern, scheint angekommen zu sein. Wirklich?

Zehn Jahre Radiofabrik On-Air – als bisher einziges freies Medium des Landes – zeichnen ein ambivalentes Bild.

Einerseits ist das Radio unbestritten. Mit 260 MacherInnen, fast alle relevanten Institutionen der Stadt und Umgebung an Bord, hat das Projekt grosse Akzeptanz. Und Relevanz. Die weit über eine Rolle hinausgeht, die vergleichsweise Orange 94.0 in Wien – mit mehr als zehnmal so grosser Population – spielt. Spielen kann durch grössere Konkurrenz und Angebot.

Ich treffe überall Menschen, die Radiofabrik machen, gemacht haben, oder machen wollen. Jüngere, Ältere. Und ihre eigene Story mit der „Fabrik“ zum besten geben können. Zweifellos ist zumindest die Salzburger Jugend-, Kultur- und Jugendkulturszene in einer Penetranz und mit Bezug zu diesem kleinen Radio durchsetzt, dass ich nur staunen kann. Erstaunlich, selbst in der Spitzenpolitik des Landes ehemalige Funktionäre der Radiofabrik zu finden.

Bewährt hat sich die langjährige enge Kooperation mit der ARGEkultur – vormals „Arge Nonntal“, dem grössten Salzburger Kulturzentrums. Bei aller Rivalität – zwischen „Friendly Fire“ und „Unfriendly Takeover“ – steht besonders über den Neubau der ARGE eine exzellente Infrastruktur zur Verfügung, die heute der Radiofabrik ein professionelles Erscheinungsbild als professioneller Betrieb ermöglicht. Die nicht nur einmal Gästen ein positiv-erstauntes „Wow, das hab ich mir bei euch anders vorgestellt..“ entlockt. Ein Modell, dass sich auch in Linz im Verhältnis zwischen Stadtwerkstatt und Radio Fro bewährt hat.

Erfolgreich beibehalten wurde die basisdemokratische Mitbestimmung der Communities am Betrieb: Die Radiofabrik gehört ihren MacherInnen. Es ist möglich, Vorstände zum Rücktritt zu zwingen. Leitung – bei fehlendem Rückhalt und betrieblichen Versagen – hinauszuwerfen. Alles geschehen 2007: der ehemalige Vorstand wurde ersetzt, die Geschäftsführung gekündigt.

Wohlmeinende Freunde haben mich vor diesem „Chaos“ gewarnt. „Nicht nur Salzburg, dann auch noch DAS?“.

Aus meinem Verständnis sollte kein „Freies Medium“ auf Prinzipien von „Checks and Balances“ verzichten. Heisst es doch – als Abgrenzung zu Community Medien: „Freie Medien sind selbstbestimmt und selbstorganisiert“. Was von Sinn her auch die Einflussmöglichkeit von Programm-MacherInnen auf betriebliche Strukturen vorschreibt. Wenn beispielsweise – und von mir schon mehrfach öffentlich kritisiert – OKTO.tv und Orange 94.0 dieses Prinzip nachwievor verletzten, in dem Vorstände keiner Kontrolle der Basis unterliegen, lässt sich das auch  als Ausdruck von Schwäche und Misstrauen den eigenen Communities gegenüber verstehen.

Frustrierend ist nach einer Dekade die budgetäre Situation der Radiofabrik. Zwar ist es gelungen, über ausdauernde, langjährige Aquise einen der grössten und erfahrensten EU-Projektbetriebe des Landes aufzubauen. Und sich dadurch Autarkie von nationalen und lokalen Fördergebern zu erwirtschaften. Nur um bedauerlicherweise festzustellen: SO allein lässt sich ein Radio nicht nachthaltig aufrechterhalten.

Während die Stadt-Salzburg sich inzwischen merkbar engagiert – die Radiofabrik hat eine „mittelfristige Fördervereinbarung“ mit mehrjährigen Laufzeiten, sind Zuschüsse vom Land kaum vorhanden. Unverständlich, hebt doch das Land eine Landesmedienabgabe – Aufschlag auf die ORF-Gebühren Ermessen einer Landesregierung – in Millionenhöhe ein. Und gibt die Mittel ungewidmet aus.

Die Radiofabrik versucht zum Zeitpunkt einen politischen Prozess einzuleiten, der diesen Umstand behebt. Erfolge sind erst nach den kommenden Landtagswahlen im März 2009 zu erwarten.

Oskar Kokoschka verlangte in den 1950ern als Leistung für Gründung der Sommerakademie: ein Haus und ein adäquates Gehalt. Dem ist nichts hinzuzufügen….

Alf Altendorf ist seit März 2008 Geschäftsführer der Radiofabrik Salzburg

„Sex & Maschinen – Dating“ (ORF Matrix, 06/2007)

Geschichten über Sexualverhalten mit Technologieeinsatz (von Alf Altendorf)

(Erschienen ORF Matrix 06/2006)

„Das Licht is völlige Scheisse!“. Ich sitze neben Henriette und starre auf den Schirm. Pornoclips aus dem Netz. Eine anregende, gewollt verfängliche Situation als Vorspiel. Denken Sie vielleicht. Dem ist nicht so. Jetzt. 

Als ich sie zu mir nach Hause – zur  „selbstgebastelten Artischocken-Spezialität“ – einlud, gab es – klar – Hintergedanken. Zuerst die Spezialität. Der Rotwein erledigt den Rest. Den Fall der Hemmungen. Dachte ich.

Henriette war trinkfest. Was ich nicht bin. Und als sie den Reserve-Wodka auch noch köpfen wollte, wusste ich, dass Handeln angesagt ist. Solange es noch geht. Ich sturzbetrunken bin. Sie geht.

Natürlich war es eine perfide Idee. „Hab ein paar Filme auf der Maschine“, meinte ich. Bittorrent, danke. Zu direkt wollte ich ihr nicht mit Geschlechtsverkehr ins Haus fallen. Deswegen eine Zwischenlösung zur Anbahnung. Solange es noch geht.

Henriette ist nicht nur trinkfest, sondern auch Cineastin. „Die beste Pornographie ist Oshimas »Im Reich der Sinne«. Oder »Secretary«. Oder »Das grosse Fressen«“, meint sie jetzt. Das meine ich zwar auch, aber wichtiger, dass sie Arsch an Arsch neben mir hockt. „Lars von Trier hat »Pussy Power« gegründet. Pornos für Frauen.“ Ich wusste nicht. Nicht dass Von Trier sowieso alles zuzutrauen ist, und Dänemark ein blühendes Land mit blühender Sexindustrie zu sein scheint – ich wusste trotzdem nicht. „Überhaupt sind die meisten Pornos für Männer. Das ändert sich“. Sie nimmt mir die Maus aus der Hand.

Henriette ist nicht nur Cineastin, sondern auch Pornographin. Frauenbewegt. „Frauen wollen vorallem eines: Handlung. Erzählte Handlung“, führt sie weiter aus. Handlung, genau, „Handlung“ war eigentlich mein Stichwort gewesen. Ich rücke näher. „Keine Frau will Dreck am Set. Schau dir DAS an, der Lacken hat sicher schon lange kein Mittel gesehen“. Mir fällt ein, dass ich das Klo geputzt habe. Das Waschbecken nicht. Scheiss Kocherei. Vergessen. Sie war gerade Händewaschen. „Ausserdem ist das Licht völlig hinüber. Das hätte  »Willkommen Österreich« besser hingekriegt“. Ich schaue genauer. Versuche. Scheiss Wodka. Sie hat recht. Mir fällt ein, dass sie im Bad das Licht nicht aufgedreht hat. Vielleicht hat sie die Schmutzränder in der Badewanne übersehen. Nicht sehen können. „Als ich in Kopenhagen war, hatte ich eine Affäre. Mit einem Dänen“.

Ich verkneife mir die Frage, ob es Lars von Trier war. Einerseits gut, da mir das Sprechen zunehmend schwerer fällt, andererseits schlecht, denn Henriette ist nicht nur Pornographin sondern auch Filmemacherin. Ich stelle mir vor, mit Henriette dauernd nach Dänemark fahren zu müssen, weil sie für Trier Frauenpornos drehen will. „Der Däne hat dauernd Pornos gekuckt“. Ich stelle mir vor, mit Henriette und dem verrückten Lars von Trier wodkasaufend Filme zu kucken, bis mir schlecht wird. Und er mit ihr ins Bett geht.

„Männer lernen aus Männerpornos zum Beispiel, dass Frauen gerne »hart von hinten« genommen werden. Das ist Schwachsinn.“ Ich nehme ihr die Maus weg und stoppe den Download des Rocco Siffredi-Clip. Siffredi ist berühmt dafür. Genau dafür. „Und überhaupt. Diese Dialoge. Unpackbar“. Dafür auch. Genau dafür. Und ich für Dialoge, ja keine Dialoge, nicht heute, der Wodka, sie wissen schon.

Ein paar Wochen später bin ich ins Kino gegangen. Ohne Henriette. Zu „Idioten“. Von Lars von Trier. Ich habe noch immer keine Ahnung, was „fortgeschrittene Pornographie“ ausmacht. Gender neutral. Aber wenn Sie mich fragen, oder Henriette mich fragen würde: Ungefähr so. Warum? Stellen Sie sich vor, sie liegen mit Lars von Trier…

No Future (5/2007, Beitrag „Generation Sexkoffer“)

(Beitrag „Generation Sexkoffer“ – 2007, Löcker Verlag)

No Future“. Wer dabei an den Punk-Slogan denkt, liegt falsch. Oder auch nicht. „No Future“ stand in riesigen Lettern auf dem Poster an der Wand. Kein Wunder, dass sich meine Eltern Sorgen machten. Wahrscheinlich wäre es OK gewesen, wenn es ein Punk-PinUp gewesen wäre. Mit einem greinenden Johnny Rotten,  oder – besser – den gitarreschwingenden Clash. Die ich alle erst später zu hören angefangen habe.

Mit jungen Leuten mit wilden Frisuren, in dreckigen Klamotten. Die „dir den Finger zeigen“. Irgendeiner der unvermeidlichen Musikfanposter, den pubertierende, protestierende Jugendliche an Wände pappen.

Damit hätte ich bestenfalls meinen rechtsnationalen Grossvater provozieren können. Für den sowieso alles mit Schlagzeug „Negermusik – Getrommle“ war. Nur: provozieren wollte ich nicht. Eher Pessimismus plakatieren. Bewältigen. Irgendwie so.

Im Hintergrund des Slogans war auf dem Poster eine nukleare Explosion. Eines dieser überbelichteten Atompilzfotos in Schwarzweiss, die jeder kennt. Bedrohlich. Ausweglos. Sowieso alles egal, denn die Welt wird dir in die Luft geblasen. Warum viel planen? Sich irgendeine schöne, verlogene Zukunft als Erwachsener ausmalen? Als Rad im bourgeoisen Sinnbetrieb auf Talfahrt? Wozu das alles?

Als ich als Vierzehnjähriger 1980 den Poster montierte, war ein Ende des Kalten Kriegs nicht in Sicht. Und mein Einstieg in die Dekade dementsprechend schlecht. Auf der einen Seite die heile, geordnete Welt meiner bürgerlichen Familie mit – vergleichsweise – toleranten Eltern. Auf der anderen Seite der Planet am Abgrund. Alles im Arsch.

Heute hätte ich im gleichen Alter vermutlich irgendeine Klimakatastrophen-Endzeit über dem Bett. Kein Zufall, dass gerade jetzt der Kalte Krieg, damit verbundene gesellschaftliche Phobien, Angst vor dem „unvermeidlichen“ Resultat, Devianz als mentale Abwehr davor, ein mediales Revival erlebt. Erleben muss. So wie heute das globale Klimadesaster immer unvermeidlicher scheint, erschien mir das atomare Desaster unvermeidlich. Alles im Arsch. Und wenn sich Punk als nihilistischer Eskapismus aus dem Armagedon des Kalten Kriegs verstehen lässt, kann man auf Reaktion der Jugendkulturen auf unsere aktuellen Bedrohungen schon mehr als gespannt sein.

Von Punkhaltungen hatte ich damals keine Ahnung. Dafür antizipierte ich unbewusst  dessen Nihilismus. Für Rebellionen war es noch zu früh. Zu Drogen hatte ich keinen Zugang. Was blieb noch? Eskapismus. Ausstieg. Dafür gab es ideale Rahmenbedingungen.

„Escape“ braucht eine Gegenwelt, die fremden, möglichst realitätsfernen Regeln folgt. Und in die Du – vielleicht – eher eigene Regeln einbringen kannst. Dachte ich. Und verliess deshalb die katholische Internatsschule nicht, wie ich es ursprünglich nach vier Jahren vorgehabt hatte. Besser die jugendliche Verzweiflung im geschützten Rahmen ungestört ausleben. Als mit besorgten, lästigen Eltern teilen. Dachte ich. Ghetto, statt eine sich auflösende Welt ohne Chance. Ohne Gnade.

Damit Gegenwelt funktioniert und aufrecht bleibt, braucht es: Informationsbeschränkung. Die 1980er-Jahre waren für mich ein selbstgewähltes, informationstechnisches Neandertal, und ich einer seiner Bewohner.

Wer heute eine urbane Clique von Jugendlichen beobachtet, versteht zeitgenössische Informationsbeschaffung und -verteilung. Auswahl, Zugang zu Quellen und Vertrieb selbstverständlich. Mit Rasanz genützt und beschickt: Daumen mit den Handytasten verschweisst. Eine SMS jagt die andere. Klingelton heruntergeladen, ausprobiert, weggeworfen oder an Friends weitergeschickt. Die Fehlleistungen der Lehrer mitgeschnitten, fotografiert und aufs eigene Weblog gestellt. In Schulen stöhnen PädagogInnen und überlegen Handyverbote. Internet, Mobiltelefonie, Kabelfernsehen, Radiovielfalt. Ausgehen, Chatrooms, Filesharing.

In meinem Ghetto hingegen war der Zugang zum  „M&M eines männlichen Jugendlichen“ – Musik & Mädchen – erschwert. Dafür „R&B – Rhythmische Messen & Büffeln von Lateinvokabeln“ reichlich im Angebot.

Verboten:  Ausgang. Mädchen – klar. Selbst „Bravo“ nicht erlaubt. Doktor Sommer´s Beratungskolumne wegen, die sich mit vorehelichem Bekanntwerden und anschliessender Annäherung beschäftigt. Und unfallfreiem Vollzug. Alles,  wofür der Papst wenig Toleranz zeigte.
Knapp: Bücher. Nur die richtigen. Die falschen konfisziert.
Reglementiert: Zeiteinteilung. Fernsehen – zugelassen, was die TV-Kritik der Kirchenzeitung als artgerecht empfahl. Unter Aufsicht. Natürlich. Als erwähnter Papst angeschossen wurde, war es auch damit vorbei. TV wegen Schultrauer gestrichen. Ich betete inbrünstig für sein Leben. Und wagte mir nicht auszumalen, was noch alles gecancelt wird, wenn er es nicht schafft. Ich hasste ihn.

Das Mobiltelefon noch nicht erfunden. Telefonieren – nona – unter Aufsicht, Ausnahme Angehörige. Einziger Apparat beim Erzieher.

Es gab es auch den – in autoritären Strukturen unvermeidlichen – „Underground“. Rauchen, Alkohol, Bubenbanden, Kleinkriminalität. Hier galten zumindest teilweise meine Regeln. Wenn man sich durchsetzte. Was oft nicht der Fall war. Wer jemals Klosterschul-Literatur gelesen haben, kennt das alles. Und gab es auch alles. Und soll hier nicht ausgebreitet werden.

Ohne gröbere Schäden liess sich die Schule nur durch virtuelle Fenster nach draussen überstehen. Das musste ich bald einsehen. Dafür hiess es warten.

Ab sechzehn gab es Freiräume. Statt Grossraumhaltung im Schlaf- und Studiersaal Aufstieg in die Jugendherberge. Vierbett. Weniger Kontrolle. Und: ein eigenes Radio.

Meines war in Wirklichkeit ein Radiorekorder – schliesslich wollte ich auch eigene Audiokassetten spielen – und hörte laut schnörkeligem Herstellerschriftzug auf „Gracia“. Bestellt von meiner Mutter aus dem weitläufigen Fundus des  „Kurfürstversand“, eine Art Vorläufer von „Tschibo“, mit ähnlichem Kram – vom Pürier- bis zum Massagestab.

Barock, schwarz, kantig, weit ausladenderer Lautsprechergrill, viel Chrom und viel Schrift auf allen Tasten – eine offensichtliche Niederlage deutscher Wertarbeit, wirkte das „Ding“ wie die designerische Reduktion „Optik amerikanischer Strassenkreuzer“ auf „Format europäischer Kleinwagen“. Die optisch stimmigere Stereoversion war meiner Mutter zu teuer gewesen. Ich war stolz. Ein Statussymbol.

Vier Jungs, vier Radios, ein Raum, keine Praxis. Wir brauchten Monate, bis wir uns auf erträgliche Modi der Beschallung einigen konnten. Die Wahl des Radiosenders war noch einfach: Ö3. Ö3! Was sonst wenn nicht Ö3? Ö1 und Radio Niederösterreich waren uns schon vorher durch Live – Messübertragungen und Religionfeatures negativ aufgefallen. Die wir uns als „Audiospende“ in Morgenandacht oder Religionsunterricht anhören mussten. Imageschäden, aus Sicht von Seminaristen unrettbar. Radio Burgenland? Ein zwar auffallend profaner Bauernsender, aber eben: Bauernsender. Das wars. Also Ö3.

Ö3 war in den 1980ern auf seinem weiten Weg vom „rotzigen Jugendradio“ – das ich selbst auch nur als Legende der Mediengeschichte kenne – zum „Kommerz-Flachstrand“ heute irgendwo in der Mitte angekommen. Zwar hatten einige unsägliche ModeratorInnen, die uns bis heute bei Privaten verfolgen – wie zum Beispiel Dominik Heinzl – bereits Einzug gehalten und „Quasselton der Belanglosigkeit“ eingeführt. Den ich schon als Sechzehnjähriger abgrundtief hasste. Ansonsten war Ö3 eine Fullservice Informations-Agentur der Populärkultur, die für jeden von uns etwas bot. Bieten musste. Mangels Alternativen bestrich Ö3 nahezu vollständig das Hörersegment „10 bis Noch nicht Tot“, das Interesse an „Was ist wichtig DORT auf der Welt und HIER in Österreich“ und Aversion gegen „Blasmusik-Folklore“ (Landesprogramme), „Streicher-Geheule“ und „Oberlehrer“ (Ö1) teilte.

Vortrag im lockeren, jovialen Stil. Der auch unserer Ausdrucksweise entsprach, wenn auch urbaner, abgeklärter. Die beste, vorallem neueste Musik – bei einem Radio Essenz. Aufgelegt von der Moderation selbst – der „Selektor“ mit beschränkter, automatischer Titelwahl wie heute üblich war noch nicht erfunden. Oldies, Jazz in Sonderformaten, meist Nachts und wissend kommentiert. Wenn es uns auch weniger interessierte. Konzert- und Veranstaltungshinweise. Auch wenn wir sowieso nicht hingehen konnten. Das „Mittags- „und „Abendjournal“ von Ö1 durchgeschaltet. Wir erfüllten unseren politischen Bildungsauftrag und fühlten uns informiert. „Casey Kasem´s American Top 40“ sogar über mehrere Stunden in Muttersprache. Unser „American English“  wurde ausgeprägter.

Wie dominant Ö3 in der Meinungsbildung Jugendlicher einmal war, lässt sich heute nur mehr schwer erahnen. „Es war im Radio…“ hiess Ö3.

„Aufstehen“, brüllte es, und wir brüllten mit „Ö3 Wecker“ zurück. Und summten uns mit „Musik zum Träumen“ in die Nacht. Nach „Lichtaus“. Was verboten war. Natürlich. Wir waren Fans. Und ich hatte mein erstes Fenster.

Weil wir Fans waren, hatten wir unsere Lieblingsprogramme. Vier Jungs, vier Radios, ein Raum. Wir brauchten Regeln. Wichtigste Regel: ist die Sendung fad, wird ein Tape aufgelegt. Was fad ist, bestimmt die Mehrheit. Kopfhörer hatten wir keine. Die sind für Weicheier und Amateurfunker. Gut, wenn dein Liebling mehrheitsfähig ist. Meine Lieblinge: „Musicbox“ und „Zick Zack“. Mit „Zick Zack“ hatte ich wenig Probleme. Da ging es auch um „jugendlichen Sex“ jenseits von Zellteilung. Manchmal. Top. Trotz viel Gelabere. Gelabere = fad.

In der „Musicbox“ wurde viel gelabert. Und ich weiss bis heute nicht, warum wir sie uns trotzdem anhörten. Anhören konnten, weil die anderen fanden das Programm fad und anstrengend. Aber ich bestand darauf. Vielleicht gerade deshalb, weil die anderen nicht wollten. Ich kam gerade in eine Rebellionsphase, eckte in der Schule an, hatte schlechte Noten, suchte Streit. Was mir zwar honorige Posten wie Klassen- und Schulsprecher-Stellvertreter, aber auch den Beinahe-Hinauswurf aus dem Internat einbrachte. „Pfahl im Fleisch der Anstalt, untergräbt die Autorität“, hiess es. Da kam mir DAS gerade recht. Ich machte Krach. Immer wieder. Den anderen wurde das wohl zu mühsam. Ich zu mühsam. Die „Musicbox“ blieb an.

So wie Ö3 ein Pop-Panoptikum des gesamten Radio-ORF´s war, und ihn in ein Programm  Stil „FM4“ plus „Ö3-wie wir es heute kennen“ plus „ein wenig BBC1“ komprimierte, hochkomprimierte die Box „FM4“ doppelplus „Der Sumpf“ plus ein wenig „Freie Radio-Anarchie“ in eine Sendestunde öffentlich rechtliches Radio. Täglich. Ab 15h. Heutzutage unfassbar, dass das ging. Die Dichte.

Die „Musicbox“ wird gerne verklärt, war sie doch die unausgesprochene Leitsendung von Ö3. Und alle wollten bei ihr arbeiten. Aber sie war zuerst einmal: besserwisserisch, arrogant, selbstgefällig, elitär. Gerade richtig für mich in meiner Rebellion. War ich alles auch.

Beispielsweise wird erzählt, dass Werner Geier, oder war es Thomas Mießgang? – egal, einer der Box-Heads – AspirantInnen mit der Frage abservierte: „Wieviel Platten hast Du?“ – „Hmhmhm“ – „Komm wieder, wenn Du dreitausend hast. Und DIE und DIE muss dabei sein…“.

Die „Box“ teilte die Pop-Welt ein: in „Gut“ und  „Böse“. Böse war alles, was kommerziell erfolgreich war, und – Rechts/Linkswatsche – im übrigen Ö3-Programm lief. Gut ist „Independent“, neue, schräge Musik mit wenig Publikum. Und wenig Erfolg. Für die die Welt noch nicht bereit ist. Da kannte ich mich aus – Gut, Böse, endlich eine andere Religion. So fühlte ich mich selber – „independent“, unentdeckt. Aber auf der richtigen Seite.

Meine Helden: Walter Gröbchen. Fritz Ostermayer. Angelika Lang. Als ich Lang Jahre später das erstemal persönlich begegnete, bekam ich keinen geraden Satz heraus. So gross war mein Respekt.

Die „Box“ war typischer 1980er Musikjournalimus. Sie wollte ein Weltbild vermitteln. Sie wollte ihre HörerInnen auf den richtigen Pfad bringen. Bildungsradio in Rocksender-Camouflage. Ich hatte bei der „Musicbox“ eine Stunde täglich Nachhilfeunterricht. Nachsitzen. Mein Katholizismus war beendet.

Thomas Gross schrieb kürzlich in der „Zeit“ über das 1980 gegründete Kölner Mag „Spex“, das sich einer ähnlichen Mission verschrieb, und Ende 2006 inhaltlich neupositioniert wurde : „Das Ende der Bescheidwisser: Die Allgegenwart von Musik hat die Popkritik in eine Krise gestürzt. Im Streit um »Spex«, einst das wichtigste deutsche Musikmagazin, zeigt sich die Sehnsucht nach alten Verbindlichkeiten. Doch der Kritiker als Stilpapst hat ausgedient“. Und Dietmar Dath, ein ehemaliger Redakteur, in der FAZ hingegen von “ SPEX als Fels in der Schlammflut der Verzweiflung“

Klar, beides könnte auch für die „Musicbox“ gelten. Aus heutiger Sicht überholt. Nur: ich hatte nur mein Radio. Ein Radio. Einen Fels. Von Allgegenwart von Popmusik noch keine Spur. Der Schulband – eingerichtet für rhythmische Messbegleitung – selbst zum Proben „Rolling Stones“ verboten. Wegen anzüglicher Texte. Heroisierung ausserehelichen Geschlechtsverkehrs. Kein Web und keinen Shop. Auf der Suche nach neuen Autoritäten. Verzweifelt.

Die „Box“ hatte Autorität. Uneingeschränkt  im Osten von Österreich. Mangels Alternativen ausländischer deutschsprachiger Programme. Final bewiesen zehn Jahre später, 1992. Als in der ersten Ö3-Reform, eingeleitet als panische Reaktion des österreichischen Rundfunks auf den Erfolg der Antenne Steiermark als erstes Kommerzradio, sie in den Spätabend und ins Fegefeuer reformiert wurde – mit absehbarem Quotenverlust, hagelte es Proteste. Als diese erfolglos blieben, war SIE die Startfanfare für die „Wiener Piratenradios“. Dann machen wir halt selber. Wir haben euer Latein gelernt. Sich nix zu scheissen auch. Danke „Musicbox“. Danke.

Wer Musik hört, will Musik auch besitzen. Macht unabhängig. Wenn ich heute einen guten Track im Radio höre, schickt mir das Trackservice des Senders eine SMS mit Titel und Artist. Oder ich tippe mir eine Notiz ins Mobiltelefon. Und wenn ich Zeit habe, höre ich mir mir mehr vom Produzenten zum Beispiel per Last.FM an, checke den Website, den MySpace-Space, surfe die Links, sammle, suche aus. Dann werfe ich eine Filesharing-Software an, lasse Mp3´s runterladen, schmeisse die Hälfte – Scheiss – nach dreimal hören wieder weg. Was übrig bleibt landet in meiner Soundbibliothek am Computer, manches wenige auf dem MP3-Player. Und wenn, dann, ja dann etwas so gut ist, besteht, zehn mal gehört, zwanzigmal gehört, noch immer gut, dann kaufe ich mir manchmal eine CD. Wertiger. Und wenn das Cover supergeil, dann will ich Vinyl. Am wertigsten. Weil Grafikdesign im Grossformat. Und pilgere dazu vielleicht ins „Rave Up“, ein Plattengeschäft in Wien. Plausche, schnüffle, stöbere, aber ich weiss eigentlich schon vorher was ich will. Sie kennen das sicher alles. So funktioniert Musik jetzt. Nicht alles davon ganz legal – wer parkt schon nie am Gehsteig? – nur jeder und jede macht es ungefähr so. Heute.

1982. Wir begannen mit Bootlegs. Record-Play – Abzugsfinger auf Pause, entstanden Meisterwerke partieller Wahrnehmung. Verdichtungen unserer subjektiven Neigungsprofile, gebannt auf C60 oder C90. Wir verfluchten klemmende Tasten, in unsere Tracks hineinquatschende Wichtigmacher hinter den Mikros und Tape-Ende GENAU beim wichtigsten Song.  Wir experimentierten mit Kopien und Remixes dieser Sammlungen. Zwei oder drei Rekorder Grill an Grill aneinandergeschoben, einer zum Aufnehmen, die anderen zum Abgeben. Wir gaben bald auf.

„Der Österreichische Schallplattenklub der Jugend hat die Zielsetzung, gute Musik unter jungen Leuten populär zu machen“, schrieb Ernst Prowaznik, seines Zeichen Geschäftsführer, über das pädagogische Konzept desselben, und weiter „Es genügt nicht, die Anschaffung und Auswahl von Platten ausschließlich dem Tagesgeschmack der Jugendlichen selbst zu überlassen. Wer ein wenig versucht hat, junge Menschen zum richtigen Hören guter Schallplatten zu erziehen, ist erstaunt über die Erfolge, die dabei zu erzielen sind.“

Verweilen wir ein wenig bei diesem Konstrukt der 1960er, gegründet in Erweiterung der Buchklubidee, repräsentiert und vertrieben durch Musikpädagogen an den österreichischen Schulen. Und Mitte der 1980er dann mausetot. Erstaunlich, mit welchem erzieherischen Impetus der schmale Begriff „Selbst“ – Selbstfindung, Emanzipation, Selbstbefriedung – als „Gefahr“ dargestellt und mit „Richtig“ etwas entgegengestellt werden sollte. Nur was ist „Richtig“? Wer „Spricht“?

Nicht, dass die Zeichen verkannt worden wären – „Erst wenn die Anschaffung von Schallplatten keine besonderen finanziellen Probleme mehr aufwirft, kann die musikpädagogische Funktion der Schallplatte wirksam in Erscheinung treten. Erst dann kann in vielen jungen Menschen der Wunsch erwachen, das nunmehr bereits Bekannte auch in irgendeiner Form selbst klanglich zu realisieren“, geht es weiter im Konzept – nur es herrschte: Hilflosigkeit. Hilflosigkeit in Anerkennung, dass der frühere rechtskonservative Wertekanon der Republik, der Jugendkultur generell als „schädlich“ für staatliches, bürgerliches Gefüge sah, in den 1970ern zerborsten war. Ahnungslos in der Annahme, nur weil Jugend Götter sucht, sie Gott ausgerechnet finden wird beim: Musikpädagogen.

Unser Musiklehrer war ein ein jüngerer – unter vierzig – und etwas dicklicher Pater mit Pausbacken. Die rot anliefen, wenn ihm etwas nicht passte. Ihm passte oft nicht. Bei ihm bestellten wir unsere ersten LPs. Aus dem bunten Katalog des „Schallplattenklubs“. Der uns alles mögliche mit salbungsvollen Worten empfahl. Ich wusste, was ich wollte. Was sich nur manchmal mit dem empfohlenen Programm deckte. Und umständliche Hoffnungsbestellungen nach Bandname/Scheibentitel/Label mit längeren Wartezeiten verursachte. Traf das Paket ein – hoffentlich ist mein Teil diesmal dabei!  – pflegte er ihm unbekanntes Material vorzuhören. Was häufig der Fall war. Und bei Ausgabe mit geistreichen Kommentaren,  mit klassischen Bezügen zu verzieren. Zu versuchen. Es war lächerlich. Es war demütigend. Es brachte Rügen ein. Es endete in unauflösbaren Auseinandersetzungen. „Die Monstershow im Petersdom“  auf „Morak“ – das 1980 erschienene Debütalbum des heute weniger respektierten Ex-Staatssekretärs  – ist antiklerikal. Sicher. Und „Kleine Schwester“ Inzest. Sicher. Deswegen hatte ich bestellt. „Burgschauspieler“. Franz Morak war Burgschauspieler. Die Rettung. Provokationen waren einfach. Er hatte es nicht einfach.

Wir organisierten unsere eigenen Sammelbestellungen. Beim „Meki-Versand“. Dessen kleine, auf Buntpapier kopierte Heftchen man sich zuschicken lassen konnte. Tausender Sound in winzigster Schreibschrift. Ohne Empfehlung. Ohne Werte. Ohne Verhör.

Der Plattenspieler stand im Aufenthaltsraum. Neben dem Tischtennis-Tisch. Nahe der Erzieher-Wohnung. Natürlich. Kontrolle ist alles. Ein Plattenspieler für alle. Eines der Geräte, die mit tonnenschwerem Tonarm Rillen fräsen. Statt unsere Heiligtümer zu streicheln. Es war uns egal.

Ich hatte schlechte Karten. „Fehlfarben“ gegen „Iron Maiden“? Zum Vergessen. „Blümchenblau“ gegen „Ambros“? Zum Abstinken. „Chuzpe“ gegen „Electric Light Orchestra“? Reden wir nicht davon.

Nur: Wer Musik hat, will anderen davon mitteilen. Egal, ob die wollen oder nicht.

Ich weiss nicht mehr, wessen Idee es war. Vielleicht lag es einfach in der Luft. Wir wollten einfach mehr. So wie unser Radio. Es ist da, und es hat Macht. Über die, die keine Wahl haben. Ohnmächtig sind. Es hat Autorität. Du willst Macht. Und Autorität . Und Luftkanäle, die der Autorität vorbehalten sind, die sie für sich geschaffen hat, dir nehmen. Kapern.

Wir hatten Glöckner. Aufstehen, Pause, Andacht, dafür gab es eine Glocke im Gang. Glocke, Seil. Glöckner zu sein, war hart. Und nicht besonders begehrt. Früher aufstehn, immer auf die Uhr sehn. Wenn ein Glöckner versehentlich spät läutete, dauerte etwas lang. Mit Sicherheit etwas Unangenehmes.  Ein Glöckner war nicht beliebt. Dafür Unterrichtsstunden, lästige Vokabelprüfungen unentschuldigt verlassen können. Freiheit durch Pflicht. Glöckner wurde nur jemand, der zuverlässig war. Aus Sicht des Hauses. Ich nicht. Als Pfahl.

Die Glocke wurde abgeschafft. Die Sprechanlage eingeführt. Zum Läuten. Zum alles. Plötzlich waren überall Lautsprecher. Am Gang, am Klo, im Zimmer. Überall. Wir hatten Bedürfnis. Zur Mitteilung. Wir explodierten vor Mitteilungsbedürfnis. Und hatten Platten. Zum Auflegen. Unsere. Ich glaube, es war die Idee des letzten Glöckners. Und Schlagzeugers. Der Schulband, die nicht mit „Stones“ proben durfte. Und „Genrosso“ – eine katholische, italienische Ausdruckspoptanzband – satt hatte. Die er covern sollte.

Er machte „Radio“. Seines. Und einige – wie ich – machten mit. Unseres. Meines. Es wurde geduldet. Als Versuch.

Der Deal war einfach. Sie bekamen mit, was wir hörten. Wollten. Dachten. Wir sassen mit unserem Radiorekorder, Schul-Plattenspieler, Boxen vor dem Mikrophon der Sprechanlage. In der Direktion. Morgens. Moderierten. Sagten an. Sie standen vor uns, und hörten sich an. Duldeten.

Es war lehrreich. Selbstzensur. Wir hatten Codes. „Rauchen heute dort und dort“ hiess irgendwie. Anderes Verbotenes anderswie. Das merkten sie bald. Unsere Musik lief. Meine Musik lief. Überall. Es schlief ein. Sie spielten auf Zeit. Zu mühsam. Für uns. Alles frühmorgens. Bis Unterricht.

Aber für kurze Zeit ging wieder ein Fenster auf. Eines, wo nicht nur Wind hereinweht. Sondern wir unseren Wind bliesen. Das habe ich mir gemerkt. Wenn du etwas willst, nimm es dir. Und lass dich nicht aufhalten. Auch wenn du scheiterst. Wir scheiterten. Vorerst.

Die 1980er waren ein Scheissjahrzehnt. Furchtbare Mode. Es läuft mir kalt über den Rücken, wenn – wie jetzt gerade – Legwarmers und Fönfrisuren Urstände feiern. Ok, Revivals haben Ironiefaktor. Für mich war es bitterer Ernst.

Innenpolitisches Niemandsland. Ein spürbar nachlassender Reformwille der Sozialismus – wie sich die Sozialdemokratie zu der Zeit noch nannte. Die sich an der Macht zerschliss, an Arroganz gewann. Und den Stillstand  einleitete, der die 1990er prägte. Wenn man von den Wirkungen des österreichischen Betritts zur Europäischen Union absieht. In meiner Schulzeit bin ich von alldem sowieso kaum erreicht worden.

In den Köpfen „Cold War“ – als letzte davon geprägte Generation – verschliefen wir den sich abzeichnende Fall der Blöcke. Vielleicht war es zu undenkbar. Und waren überrascht, als das Undenkbare eintrat.

Wer Blöcke im Kopf, und Blöcke vor sich, hat Lust zu schlagen. Zerschlagen. Vielleicht erklärt sich auch dadurch der radikale, libertäre Geist meiner Generation. Anpasser sind wir nicht. Wir profitierten von den Freiheiten, die in den 1970ern erkämpft wurden. Auch wenn ich selbst noch genug Mief der 1960er atmen durfte.

Mit Wirkung zu tun, waren wir in unserem Jahrzehnt zu jung. Wir probten. Und taten in den 1990ern. Eine kultur- und gesellschaftspolitisch fruchtbarere Dekade. (Von Alf Altendorf, 2007)

„Sex & Maschinen – Stalking“ (ORF Matrix 02/2007)

(Erschienen in ORF Matix 02/2007)

Die Mailbox Ihres Mobiltelefons ist voll. Der SMS-Speicher sowieso. Sie werden ständig angerufen, gehen aber nicht mehr rann. Sie schalten ab. Ruhe.  An ihrer Wohnungsglocke wird Sturm geläutet. Sie unterbrechen mit dem Schraubenzieher den Saft für das Ding. Sie schauen aus dem Fenster. Ein Ihnen bekanntes Auto parkt vor Ihrer Tür. Eine Ihnen wohlbekannte Gestalt hängt drinnen ab. Sie ziehen die Vorhänge zu. Drehen den Fernseher an. Den Laptop auf.

Später eintrudelnde Mails – mindestens eines pro Stunde – sind schnell im Spamfilter eingefangen. Mist, Sie lesen sie trotzdem. Also die Einstellung „sofort löschen“ aktiviert. Jetzt gehen Ihnen zwar fälschlich als Spam erkannte Botschaften durch die Lappen. Was solls: Ruhe. Und geht vorbei.

Irrtum.

Am dritten Tag beginnt sich Ihre Welt zu verändern. Als erstes meldet sich Ihre aktuelle Flamme: Sie haben die Beziehung beendet. Per SMS. Wie geschmacklos. Sie haben diese SMS nicht verschickt. Ihren Job haben Sie gekündigt. Per Mail. Wie unprofessionell. Sie haben keine Mail an Ihre Firma verschickt. Ob Sie sich wegen nicht ganz sauberer Honorarnoten beim Finanzamt selbst angezeigt haben? Wie reumütig. Davon hätten Sie sicher gewusst.

„Schatz, darf ich kurz an Deinen Computer ?“. Eine verhängnisvolle Frage Ihrerseits vor einiger Zeit. Ob Sie auf die unschuldige Frage des Webbrowsers – „Wollen Sie das Passwort speichern?“ – im morgendlichen Delirium auf den falschen Button gedrückt haben oder nicht, ist jetzt einerlei. Vielleicht hätten Sie auch nicht Ihre technische Überlegenheit demonstrieren sollen, indem Sie – „Hey, kennst du das?“ –  die Möglichkeiten von „Keylogging“ vorführten. Einerlei. Sie können sich sowieso nicht erinnern. Die Maschine schon.

„Ich habe nichts zu verbergen“, haben Sie dauernd gemeint. Und „Wer soll sich für mich schon interessieren?“ angefügt.

Blöd, dass sich jemand für Sie interessiert. Nicht die Staatspolizei oder das BKA. Unangemeldete Demos haben Sie schon länger ausfallen lassen. Seit längerem keine Anschläge mehr geplant.

Blöder war, mit dem „Fremdgang“ damals – Ihrer „Aktuellen“ – alle peinlichen Details per Online-SMS-Dienst zu besprechen. Noch blöder, die Beziehung zu Ihrer – mittlerweile – „Ex“ dann auszusetzen. „Ich muss nur nachdenken. Keine Angst, Schatz, nichts Ernstes“.

Blödest, dass Sie für Ihren Webmail-Account, Ihre SMS-Box – und weiss der Himmel wo noch – dieses eine Passwort verwenden. Superblödest,  einen sauber geführten Ordner „Andere Passworte“ in Ihrem Mailaccount zu führen. Online. Wo alles abgelegt ist, dass dieser Regel widerspricht.

In Mord- und Totschlagstatistiken ist zu lesen: Die häufigste Quelle für Gewaltverbrechen ist Ihre Familie. Ihr engstes soziales Umfeld. Ihre PartnerInnen. Was heisst: Auch die meisten elektronischen Schnüffeleien werden nicht von Hackern, der NSA oder amoklaufenden Sysadmins inszeniert. Sondern von Ihren Liebsten. „Ex“ oder nicht.

„Fuck the shitart, let’s kill – Wenn die Post von Netznetz klingelt“ (Kulturrisse 06/2006)

(Erschienen in Kulturrisse 06/2006)

Eine der mühsamsten Eigenheiten elektronischer Kommunikation ist Penetranz. Mit der sich Email und Konsorten in den Vordergrund computergestützter Arbeit drängen. Kaum jemand kann der Versuchung widerstehen, den Mailslave angedreht zu halten. Egal ob ein Pamphlet verfasst, eine Karikatur entworfen, eine Intrige geplant, ein Virus gecodet oder Krach gecutted wird.
Pling, Blobb, Boing, Mails bimmeln, Fenster gehen auf – wieder ein neues Mail – und der gerade Gestalt annehmende niedrige Gedanke wird durch irgendeine Mistbotschaft abgewürgt. Der nachgegangen werden muss. Neugier ist menschlich.

Mühsamer wird es, Mailinglisten abonniert zu haben. Erhöht die Frequenz der – wenn auch gewollten – Störung. Endgültig lästig, wenn eine davon unter Headern wie „Schutzgeld & Terrorismus, Law & Order, Richtigstellung, Klarstellung, Mobbing, Üble Verleumdung, Trottel, Irrenhaus, Verarsche, Pissings, Täter“ und so weiter mit Inhalt lockt. Und – wer weiter liest – ausbreitet. Warum weiter lesen?
Voyeurismus ist ebenfalls menschlich. Und geil.

Nun soll hier weder einer biederen Form von „Sauberkeit“ die Stange gehalten werden. Die Welt ist nicht sauber. Selbst im Wien der von Kehrniggern saubergeleckten Trottoirs und Hundekack-Kampagnen nicht. Noch muss gleich jede Scheisse selbst in den Mund genommen werden. Was vielleicht als bizarrer BDSM-Ritus Marke „Ekeltraining Aleister Crowley“ in trauter Privatheit durchgeht. Und öffentlich sonst nur vom krabbelsabbernden Nachwuchs praktiziert wird. Und im „kleinen Dorf voller digitaler Dorftrotteln“ namens „Netznetz.net“ und seiner Müllliste. Hier fliegt der Kot an Verbalinjurien in Oralhöhe. Schon seit langem.

Wer in der seit 2004 bestehenden List damit angefangen hat, darüber gehen naturgemäss die Meinungen auseinander. Sein Fähnchen steckt Günther Friesinger, Mitglied beim Kunsts(h)owjet „Monochrom“ und Koorganisator der Netznetz-Parade „Paraflows – Paraflöhe“ im Herbst, in „Trolle“. So heissen Provokateure im „netspeech“. Wie dem Medientheoretiker „Crackpfeife“ F.E. Rakuschan, der seine Statements gerne mit „schiesst sauber“ beendet. Oder den Altkünstlern Graf+Zyx, die kürzlich ihre morschen Knochen dem Kulturstadtrat per offenem Brief nachwarfen. Nachdem Mailath im Nachrichtenmagazin „Profil“ bei netznetz sinngemäss einen Krieg „Netzopas versus Web2.0-Kiddies“ ortete, forderten Graf+Zyx den Stadtrat zum Rückzug ins Parteialtersheim auf.
Beide, Rakuschan und Graf+Zyx, sind Kritiker von Netznetz. Während erster vorallem die Klüngeleien der im Quartier21 versammelten Organisationen/Personen mit der Kulturverwaltung moniert und „politisches Bewusstsein“ einmahnt, kritisieren zweitere eher das strukturelle Abwicklungschaos von Netznetz. Und beide verwenden scharfe rhetorische Munition, die andere, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, als „Inkontinenz“ bezeichnen: In Sache richtig, in Form daneben.

Günther Friesinger will „gezieltes Abschiessen von Netznetz durch Rakuschan“ sehen. Dieser kontert, dass „davon keine Rede sei“. Ihm gehe es um „Neuanfang“, den schweigende Mehrheiten ebenfalls fordern würden. Johannes Grenzfurthner, Monochrom-Präsident, räumt ein, „dass die Stadt alternative Förderwege neben netznetz schlecht kommuniziere“, die natürlich weiterhin offenstehen würden“. Friesinger und Grenzfurthner betonen, man habe sich auch „mit Rakuschan getroffen, um Probleme auszuräumen“. Dieser will davon nichts wissen und meint, „man habe mit ihm bei einer Veranstaltung Smalltalk geführt“. Dass dies ein „klärendes Gespräch gewesen sein solle“, sei ihm neu.

Post von Netznetz bekam im November Rakuschan. Analog. Monochrom klagte ihn nach Medienrecht §6, was laut Law „Üble Nachrede, Beschimpfung, Verspottung & Verleumdung“ heisst. Johannes „Ende der Nahrungskette“ Grenzfurthner, auch Ex-Koordinator Netznetz, meint dazu, „Prominente wie er sollen aus Netznetz herausgekämpft werden“. Er bekomme Anrufe aus Deutschland, „warum Monochrom die Netbase ermeuchelt habe“.
Ob „Satanist“ Konrad Becker und „Ex-SJ-Funktionär“ Martin Wassermair – beide Ex-Public Netbase – dies bezeugen wollen, ist unbekannt. Sein Posting mit „SJ-Bonzen“ musste der Ex-Netznetz-Koordinator Stefan Lutschinger, „ehemaliger Sexarbeiter“ und heute Organisator, zurücknehmen, nachdem er sich „falsch erinnert“ hatte. Oder „vergoogelt“? Blöderweise wird die gesamte, eigentlich geschlossene und unmoderierte Liste weltweit veröffentlicht.

Mehr Probleme mit juridischer Eskalation hat deshalb der „Anfang der Nahrungskette“: Listbetreiber „der langohrige Esel“ Lorenz Seidler. Und seit einem Jahr auf Distanz zu Netznetz. Auf Anfrage meint er hilflos, „er sei nie auf rechtswidrige Inhalte hingewiesen worden“ und „Poster sollten eigentlich wissen, dass veröffentlicht wird“. Aber es sei „kein Ziel, Differenzen per Klage auszuräumen“. Mit Vorschlägen einer Moderation sei er „nicht durchgedrungen“. Grenzfurthner sieht die Moderationsfrage anders. Er „plädiere für eine offene Gesellschaft“.

Wie der gerichtliche Nachttopfkampf endet, wird sich zeigen. Bei Ausschöpfung aller möglichen „Schlammklags“-Varianten könnte es eng mit Medienanwaltsbüros werden. Lorenz Seidler sucht jedenfalls auch schon nach anwaltlichem Beistand.

Im HipHop kennt man „freestyle battling“. Ein Gegner wird mit möglichst cleveren „Rhymes“ und „Insults“ gedemütigt, und antwortet seinerseits mit noch besseren Reimen. Ursprung ist ein afroamerikanisches Trashtalk-Spiel namens „The Dozens“.
Wie sowas geht und daneben gehen kann, erzählt NewJournalism-Ikone Tom Wolfe in „Bonfire of the Vanities (Fegefeuer der Eitelkeiten)“: In der Bronx saufen, koksen befreundete Kleingangstas. Spielen „The Dozens“. Beleidigen sich ungeheuerlich. Bis einer den Revolver zieht, dem anderen ins Herz schiesst, dann schluchzend kollabiert. „My Friend. I shot my friend…“.

Dass in Wien gesoffen wird, ist Allgemeingut. Und die „Rauch & Saufstadt“ hält laut einer APA-Meldung – kürzlich wurde das Donauwasser untersucht – im weltweiten Kokser-City-Ranking den respektablen zehnten Rang.

PS: Die im Text verwendeten Schimpfworte, Nicknames etc. geben keine Meinung des Autors wieder, sondern wurden meist per Volltextsuche aus der Netznetz.net-Maillingliste entnommen. Andere wenige frei erfunden. Happy Surfin´. Finden Sie´s raus.
Und Happy Slapping, netznetz!

Alf Altendorf ist selbständiger Kulturmanager und Medienberater. Er ist Subscriber der Netznetz-Mailingliste, bei Netznetz selbst aber nicht aktiv engagiert.