Windrad. Mafia. Formular.

corleoneKontrollwahn vernichtet das Förderwesen, neue Modelle sind gefragt. Schuld hat auch die Freie Kulturszene selbst.

In Sizilien stehen Windräder. Die Mafia hat über Strohfirmen europäische Fördermittel zum Ausbau der Windkraft erhalten. Gebaut wurden einige Räder, die meisten wurden niemals errichtet. Aber abgerechnet. Aufgeflogen ist der Schwindel durch Zufall, weil Beamte aus Brüssel nach Sizilien flogen. Nach Besuch eines Windrads, einem Mittagessen, ist man an den weiteren Rädern nur aus der Ferne vorbeigefahren worden. Als die Prüferinnen & Prüfer eines davon besuchen wollten, entpuppten sich diese als Attrappen. Potemkinsche Dörfer. Aus Sperrholz.

Schauplatzwechsel. Wien 2004. Aus Unzufriedenheit über die Qualität der Vergabe fordern einige Player der »Medienkunst« eine Selbstverwaltung der Förderungen. »netznetz« heißt die Initiative, viele machen mit. Die Verwaltung lenkt ein, ein Teil der Mittel werden zur selbstgewählten Verteilung an diese Initiative ausgeschüttet. Nach anfänglicher Euphorie, Experimenten nach Spieltheorie, versinkt die Szene in einem Verteilungskampf, der bis zu wechselseitigen Klagsdrohungen führt. Das Experiment wurde einige Jahre später weitgehend eingestellt.

Was ist aus den Beispielen zu lernen? In beiden Fällen hilft der Hausverstand: Finanzielle Selbstverwaltung funktioniert aus der Weisheit »Beim Geld hört sich der Spaß auf« nicht. Davor wurde in Wien gewarnt, diese Warnungen aber ignoriert. So geht es nicht.

Die »Windräder« hingegen führten zu Steigerungen von »Qualitätssicherung«. Immer mehr Dokumente, immer aufwändigere Anträge und Abrechnungen für alle. In ganz Europa. Auch innerhalb von Österreich. Nur: Die sizilianische Bevölkerung wusste, dass nur ein Windrad existiert. Man hätte sie nur fragen müssen. Jemand hätte »dort« sein müssen.

In der Qualitätssicherung gibt es einen Grundsatz: wer sie will, muss sie auch bezahlen. Haben Sie schon einmal davon gehört, dass jemand dafür mehr Mittel bekommt? Ich nicht. Das heißt, dass ein Theaterstück, dessen Produktion durch zusätzliche Formulare verbessert werden soll, sich verschlechtert, weil weniger Schauspielerinnen bezahlt werden. Dafür mehr Leute, die Formulare ausfüllen. So einfach ist das.

Die Freie Kulturszene Salzburgs will keine Selbstverwaltung, noch keinen Kontrollwahn. Dafür sind Hausaufgaben an Transparenz selbst zu leisten. Wer Bilanzen voreinander und vor der Öffentlichkeit verheimlicht – wie es leider üblich ist – darf sich über Kontrolle im Auftrag der Öffentlichkeit nicht wundern.

Und die Mafia? Wurde in den letzten Jahren durch Einheimische in Sizilien zurückgedrängt. Nicht durch bessere Formulare aus Brüssel, aus Wien, aus dem Land Salzburg.

Alf Altendorf ist Geschäftsführer des Community Radios »Radiofabrik« & kaufmännischer Geschäftsführer des Freien Fernsehens Salzburgs »FS1«. Beide veröffentlichen ihre Bilanzen.
Er ist im Vorstand des »Dachverbands Salzburger Kulturstätten«, im »Fachbeirat Medien des Landeskulturbeirats des Landes Salzburgs« und im Vorstand des nationalen »Verbands Freier Radios Österreich«. Überall kämpft er für effektive Vergabekriterien und Transparenz. Und war in Sizilien auf Urlaub.

Rundfunkgebühren: Von Raubrittern und Parteimedien (Salzburger Fenster 1/4/2012)

Als Raubritter wurden Angehörige des niedergehenden ritterlichen Standes bezeichnet, die sich durch Straßenraub und Plünderungszüge bereicherten.
Modernes Raubrittertum sind Steuern und Abgaben, denen keine erkennbaren Investitionen im selben Bereich gegenüberstehen. Budgetäres Strandgut.

Österreichs Rundfunkgebühren-System lässt den Bundesländern freie Hand, zusätzlich die sogenannte „Landesabgabe“ einzuheben. Das tut Salzburg kräftig: durch die Erhöhung ab April 2012 werden es heuer 9 Millionen sein. Medienförderung wird damit offiziell keine betrieben. Dafür werden inoffiziell in einem Sumpf aus Wirtschaftsförderung, Zuwendungen aus Parteikassen für Werbung bis Dienstleistungen nicht unbeträchtliche Mittel an einige kommerzielle Betreiber ausgeschüttet. Salzburgs Medien verlieren so an Glaubwürdigkeit.

Demokratie und Zivilgesellschaft braucht eine lebendige und parteiunabhängige Medienlandschaft. Die Geld kostet. Und uns allen wichtig sein sollte

Der Bund investiert aus den Gebühren in Salzburg nicht nur in den ORF, sondern über zwei Fonds auch in kommerzielle und nicht-kommerzielle Medien. Transparent. An Auflagen und Kriterien gebunden. Die für Qualität sorgen sollen.

Entweder schafft es die Landesregierung, einen eigenen Mechanismus zu entwickeln, der unsere Medienlandschaft absichert. Gerne ergänzend zum Bund. Mit besonderen Schwerpunkten und Kriterien. Aber transparent und glaubwürdig. Oder schafft die Landesabgabe vollständig ab.
Denn Raubritter sollten mit Ende des Mittelalters ausgestorben sein.

„Freie Medien in Salzburg: die Radiofabrik – Impressionen eines Zuwanderers“ (Kulturrisse 10/2008)

(Erschienen in Kulturrisse 10/2008)

Erster Unterschied: Am Wochenende nur zwei Tageszeitungen. Zum Klauen. Klar, für Mediaprintprodukte wie Kurier und Krone gebe ich – seit langem schon –  keinen Cent aus. Drängelt sich in Wien an nackten Verkehrschildstangen ein Füllhorn an Blätter um zahlende oder „sparende“ LeserInnen, sind es in Salzburg-Stadt nur zwei. Schlechtes Gewissen für Diebstahl? Nicht angebracht. Wenn auch ungewollt steigere ich Auflage und Reichweite. Steigere die Preise für Anzeigenkunden. Und bin angeblich knallhart einkalkuliert. Im faktisch heiss umkämpften österreichischen Zeitungsmarkt. Die Abwesenheit des Platzhirsch „Salzburger Nachrichten“ in der praktischen Folientasche lässt vermuten, dass die SN ein weniger anzeigenabhängiges Geschäftsmodell hat. Vermutlich.

Zweiter Unterschied: der Briefkasten quillt über. Ich habe noch nie ungefragt so viel Post erhalten. Noch nie. Als ich zuletzt eine Woche lang den Kasten nicht ausräumte, gab´s Zurechtweisung vom mürrischen Zusteller der Post. Ich möge doch „endlich Platz machen“. Wofür? Ein gutes Dutzend Bezirks- und Grätzelblätter, Infomag´s von Stadt, Land – und was weiss ich noch von wem – füllen den Altpapiercontainer. Und sind – Surprise, Surprise! – manchmal journalistisch ambitioniert. Ich kann mich nicht erinnern, in einem Wiener Bezirksblatt jemals einen Innenpolitikteil gefunden zu haben. Mit recherchierten Artikeln. Mit Niveau. Selten. In Salzburg geht das.

Vermutung: der Arbeitsmarkt für Journalisten ist in Salzburg eng. Sehr eng. Gute Leute schreiben für Medien, deren Verbreitung hart an der Landesgrenze endet.

Sie merken, ich bin kürzlich von Wien nach Salzburg migriert. Und wundere mich. Wundere mich zum Beispiel über ratlose Suggestivfloskeln Salzburger JournalistInnen, die auf „Was einem denn HIERHER verschlagen habe?“, Erklärungen wie „Liebe“, „Erbschaft“ oder „Lebenskrise“ erwarten. Vermutlich. Und nach der falschen Antwort  – „Job“ – einem selber Herz und Magen über „Kinder“, „Pergola“ und „Karriereknick“ ausschütten. Ich habe selten einen Ort erlebt, wo sich Menschen – für Aufenthalt an demselben – so ausdauernd entschuldigen.

Um mich endgültig um Kopf und Kragen zu schreiben: Salzburg bietet eine hübsche Kulisse. So man im richtigen Stadtteil wohnt. Bietet grossartige Gebirgslandschaften in Umgebung. So man motorisiert ist. Der öffentliche Verkehr ist – nennen wir es – ausbaufähig. Hat eine vitale Kulturszene. So sie „festspielkompatibel“ am Establishment dockt. So lauten die Klischees. Meine Klischees. Die Wahrheit liegt nach einigen Monaten Erfahrung vorort – wie so häufig – irgendwo in der Mitte.

Tiefenpsychologischen Aufschluss bot kürzlich ein Statement einer Lokalpolitikerin. Im privaten Gespräch. „Freie Medien seien zu fördern, um vorallem Jugend zu halten“. Die Angst, als „good place to come from“ die Kreativindustrie „somewhere fucking else“ zu befeuern, scheint angekommen zu sein. Wirklich?

Zehn Jahre Radiofabrik On-Air – als bisher einziges freies Medium des Landes – zeichnen ein ambivalentes Bild.

Einerseits ist das Radio unbestritten. Mit 260 MacherInnen, fast alle relevanten Institutionen der Stadt und Umgebung an Bord, hat das Projekt grosse Akzeptanz. Und Relevanz. Die weit über eine Rolle hinausgeht, die vergleichsweise Orange 94.0 in Wien – mit mehr als zehnmal so grosser Population – spielt. Spielen kann durch grössere Konkurrenz und Angebot.

Ich treffe überall Menschen, die Radiofabrik machen, gemacht haben, oder machen wollen. Jüngere, Ältere. Und ihre eigene Story mit der „Fabrik“ zum besten geben können. Zweifellos ist zumindest die Salzburger Jugend-, Kultur- und Jugendkulturszene in einer Penetranz und mit Bezug zu diesem kleinen Radio durchsetzt, dass ich nur staunen kann. Erstaunlich, selbst in der Spitzenpolitik des Landes ehemalige Funktionäre der Radiofabrik zu finden.

Bewährt hat sich die langjährige enge Kooperation mit der ARGEkultur – vormals „Arge Nonntal“, dem grössten Salzburger Kulturzentrums. Bei aller Rivalität – zwischen „Friendly Fire“ und „Unfriendly Takeover“ – steht besonders über den Neubau der ARGE eine exzellente Infrastruktur zur Verfügung, die heute der Radiofabrik ein professionelles Erscheinungsbild als professioneller Betrieb ermöglicht. Die nicht nur einmal Gästen ein positiv-erstauntes „Wow, das hab ich mir bei euch anders vorgestellt..“ entlockt. Ein Modell, dass sich auch in Linz im Verhältnis zwischen Stadtwerkstatt und Radio Fro bewährt hat.

Erfolgreich beibehalten wurde die basisdemokratische Mitbestimmung der Communities am Betrieb: Die Radiofabrik gehört ihren MacherInnen. Es ist möglich, Vorstände zum Rücktritt zu zwingen. Leitung – bei fehlendem Rückhalt und betrieblichen Versagen – hinauszuwerfen. Alles geschehen 2007: der ehemalige Vorstand wurde ersetzt, die Geschäftsführung gekündigt.

Wohlmeinende Freunde haben mich vor diesem „Chaos“ gewarnt. „Nicht nur Salzburg, dann auch noch DAS?“.

Aus meinem Verständnis sollte kein „Freies Medium“ auf Prinzipien von „Checks and Balances“ verzichten. Heisst es doch – als Abgrenzung zu Community Medien: „Freie Medien sind selbstbestimmt und selbstorganisiert“. Was von Sinn her auch die Einflussmöglichkeit von Programm-MacherInnen auf betriebliche Strukturen vorschreibt. Wenn beispielsweise – und von mir schon mehrfach öffentlich kritisiert – OKTO.tv und Orange 94.0 dieses Prinzip nachwievor verletzten, in dem Vorstände keiner Kontrolle der Basis unterliegen, lässt sich das auch  als Ausdruck von Schwäche und Misstrauen den eigenen Communities gegenüber verstehen.

Frustrierend ist nach einer Dekade die budgetäre Situation der Radiofabrik. Zwar ist es gelungen, über ausdauernde, langjährige Aquise einen der grössten und erfahrensten EU-Projektbetriebe des Landes aufzubauen. Und sich dadurch Autarkie von nationalen und lokalen Fördergebern zu erwirtschaften. Nur um bedauerlicherweise festzustellen: SO allein lässt sich ein Radio nicht nachthaltig aufrechterhalten.

Während die Stadt-Salzburg sich inzwischen merkbar engagiert – die Radiofabrik hat eine „mittelfristige Fördervereinbarung“ mit mehrjährigen Laufzeiten, sind Zuschüsse vom Land kaum vorhanden. Unverständlich, hebt doch das Land eine Landesmedienabgabe – Aufschlag auf die ORF-Gebühren Ermessen einer Landesregierung – in Millionenhöhe ein. Und gibt die Mittel ungewidmet aus.

Die Radiofabrik versucht zum Zeitpunkt einen politischen Prozess einzuleiten, der diesen Umstand behebt. Erfolge sind erst nach den kommenden Landtagswahlen im März 2009 zu erwarten.

Oskar Kokoschka verlangte in den 1950ern als Leistung für Gründung der Sommerakademie: ein Haus und ein adäquates Gehalt. Dem ist nichts hinzuzufügen….

Alf Altendorf ist seit März 2008 Geschäftsführer der Radiofabrik Salzburg

„Sex & Maschinen – Dating“ (ORF Matrix, 06/2007)

Geschichten über Sexualverhalten mit Technologieeinsatz (von Alf Altendorf)

(Erschienen ORF Matrix 06/2006)

„Das Licht is völlige Scheisse!“. Ich sitze neben Henriette und starre auf den Schirm. Pornoclips aus dem Netz. Eine anregende, gewollt verfängliche Situation als Vorspiel. Denken Sie vielleicht. Dem ist nicht so. Jetzt. 

Als ich sie zu mir nach Hause – zur  „selbstgebastelten Artischocken-Spezialität“ – einlud, gab es – klar – Hintergedanken. Zuerst die Spezialität. Der Rotwein erledigt den Rest. Den Fall der Hemmungen. Dachte ich.

Henriette war trinkfest. Was ich nicht bin. Und als sie den Reserve-Wodka auch noch köpfen wollte, wusste ich, dass Handeln angesagt ist. Solange es noch geht. Ich sturzbetrunken bin. Sie geht.

Natürlich war es eine perfide Idee. „Hab ein paar Filme auf der Maschine“, meinte ich. Bittorrent, danke. Zu direkt wollte ich ihr nicht mit Geschlechtsverkehr ins Haus fallen. Deswegen eine Zwischenlösung zur Anbahnung. Solange es noch geht.

Henriette ist nicht nur trinkfest, sondern auch Cineastin. „Die beste Pornographie ist Oshimas »Im Reich der Sinne«. Oder »Secretary«. Oder »Das grosse Fressen«“, meint sie jetzt. Das meine ich zwar auch, aber wichtiger, dass sie Arsch an Arsch neben mir hockt. „Lars von Trier hat »Pussy Power« gegründet. Pornos für Frauen.“ Ich wusste nicht. Nicht dass Von Trier sowieso alles zuzutrauen ist, und Dänemark ein blühendes Land mit blühender Sexindustrie zu sein scheint – ich wusste trotzdem nicht. „Überhaupt sind die meisten Pornos für Männer. Das ändert sich“. Sie nimmt mir die Maus aus der Hand.

Henriette ist nicht nur Cineastin, sondern auch Pornographin. Frauenbewegt. „Frauen wollen vorallem eines: Handlung. Erzählte Handlung“, führt sie weiter aus. Handlung, genau, „Handlung“ war eigentlich mein Stichwort gewesen. Ich rücke näher. „Keine Frau will Dreck am Set. Schau dir DAS an, der Lacken hat sicher schon lange kein Mittel gesehen“. Mir fällt ein, dass ich das Klo geputzt habe. Das Waschbecken nicht. Scheiss Kocherei. Vergessen. Sie war gerade Händewaschen. „Ausserdem ist das Licht völlig hinüber. Das hätte  »Willkommen Österreich« besser hingekriegt“. Ich schaue genauer. Versuche. Scheiss Wodka. Sie hat recht. Mir fällt ein, dass sie im Bad das Licht nicht aufgedreht hat. Vielleicht hat sie die Schmutzränder in der Badewanne übersehen. Nicht sehen können. „Als ich in Kopenhagen war, hatte ich eine Affäre. Mit einem Dänen“.

Ich verkneife mir die Frage, ob es Lars von Trier war. Einerseits gut, da mir das Sprechen zunehmend schwerer fällt, andererseits schlecht, denn Henriette ist nicht nur Pornographin sondern auch Filmemacherin. Ich stelle mir vor, mit Henriette dauernd nach Dänemark fahren zu müssen, weil sie für Trier Frauenpornos drehen will. „Der Däne hat dauernd Pornos gekuckt“. Ich stelle mir vor, mit Henriette und dem verrückten Lars von Trier wodkasaufend Filme zu kucken, bis mir schlecht wird. Und er mit ihr ins Bett geht.

„Männer lernen aus Männerpornos zum Beispiel, dass Frauen gerne »hart von hinten« genommen werden. Das ist Schwachsinn.“ Ich nehme ihr die Maus weg und stoppe den Download des Rocco Siffredi-Clip. Siffredi ist berühmt dafür. Genau dafür. „Und überhaupt. Diese Dialoge. Unpackbar“. Dafür auch. Genau dafür. Und ich für Dialoge, ja keine Dialoge, nicht heute, der Wodka, sie wissen schon.

Ein paar Wochen später bin ich ins Kino gegangen. Ohne Henriette. Zu „Idioten“. Von Lars von Trier. Ich habe noch immer keine Ahnung, was „fortgeschrittene Pornographie“ ausmacht. Gender neutral. Aber wenn Sie mich fragen, oder Henriette mich fragen würde: Ungefähr so. Warum? Stellen Sie sich vor, sie liegen mit Lars von Trier…

No Future (5/2007, Beitrag „Generation Sexkoffer“)

(Beitrag „Generation Sexkoffer“ – 2007, Löcker Verlag)

No Future“. Wer dabei an den Punk-Slogan denkt, liegt falsch. Oder auch nicht. „No Future“ stand in riesigen Lettern auf dem Poster an der Wand. Kein Wunder, dass sich meine Eltern Sorgen machten. Wahrscheinlich wäre es OK gewesen, wenn es ein Punk-PinUp gewesen wäre. Mit einem greinenden Johnny Rotten,  oder – besser – den gitarreschwingenden Clash. Die ich alle erst später zu hören angefangen habe.

Mit jungen Leuten mit wilden Frisuren, in dreckigen Klamotten. Die „dir den Finger zeigen“. Irgendeiner der unvermeidlichen Musikfanposter, den pubertierende, protestierende Jugendliche an Wände pappen.

Damit hätte ich bestenfalls meinen rechtsnationalen Grossvater provozieren können. Für den sowieso alles mit Schlagzeug „Negermusik – Getrommle“ war. Nur: provozieren wollte ich nicht. Eher Pessimismus plakatieren. Bewältigen. Irgendwie so.

Im Hintergrund des Slogans war auf dem Poster eine nukleare Explosion. Eines dieser überbelichteten Atompilzfotos in Schwarzweiss, die jeder kennt. Bedrohlich. Ausweglos. Sowieso alles egal, denn die Welt wird dir in die Luft geblasen. Warum viel planen? Sich irgendeine schöne, verlogene Zukunft als Erwachsener ausmalen? Als Rad im bourgeoisen Sinnbetrieb auf Talfahrt? Wozu das alles?

Als ich als Vierzehnjähriger 1980 den Poster montierte, war ein Ende des Kalten Kriegs nicht in Sicht. Und mein Einstieg in die Dekade dementsprechend schlecht. Auf der einen Seite die heile, geordnete Welt meiner bürgerlichen Familie mit – vergleichsweise – toleranten Eltern. Auf der anderen Seite der Planet am Abgrund. Alles im Arsch.

Heute hätte ich im gleichen Alter vermutlich irgendeine Klimakatastrophen-Endzeit über dem Bett. Kein Zufall, dass gerade jetzt der Kalte Krieg, damit verbundene gesellschaftliche Phobien, Angst vor dem „unvermeidlichen“ Resultat, Devianz als mentale Abwehr davor, ein mediales Revival erlebt. Erleben muss. So wie heute das globale Klimadesaster immer unvermeidlicher scheint, erschien mir das atomare Desaster unvermeidlich. Alles im Arsch. Und wenn sich Punk als nihilistischer Eskapismus aus dem Armagedon des Kalten Kriegs verstehen lässt, kann man auf Reaktion der Jugendkulturen auf unsere aktuellen Bedrohungen schon mehr als gespannt sein.

Von Punkhaltungen hatte ich damals keine Ahnung. Dafür antizipierte ich unbewusst  dessen Nihilismus. Für Rebellionen war es noch zu früh. Zu Drogen hatte ich keinen Zugang. Was blieb noch? Eskapismus. Ausstieg. Dafür gab es ideale Rahmenbedingungen.

„Escape“ braucht eine Gegenwelt, die fremden, möglichst realitätsfernen Regeln folgt. Und in die Du – vielleicht – eher eigene Regeln einbringen kannst. Dachte ich. Und verliess deshalb die katholische Internatsschule nicht, wie ich es ursprünglich nach vier Jahren vorgehabt hatte. Besser die jugendliche Verzweiflung im geschützten Rahmen ungestört ausleben. Als mit besorgten, lästigen Eltern teilen. Dachte ich. Ghetto, statt eine sich auflösende Welt ohne Chance. Ohne Gnade.

Damit Gegenwelt funktioniert und aufrecht bleibt, braucht es: Informationsbeschränkung. Die 1980er-Jahre waren für mich ein selbstgewähltes, informationstechnisches Neandertal, und ich einer seiner Bewohner.

Wer heute eine urbane Clique von Jugendlichen beobachtet, versteht zeitgenössische Informationsbeschaffung und -verteilung. Auswahl, Zugang zu Quellen und Vertrieb selbstverständlich. Mit Rasanz genützt und beschickt: Daumen mit den Handytasten verschweisst. Eine SMS jagt die andere. Klingelton heruntergeladen, ausprobiert, weggeworfen oder an Friends weitergeschickt. Die Fehlleistungen der Lehrer mitgeschnitten, fotografiert und aufs eigene Weblog gestellt. In Schulen stöhnen PädagogInnen und überlegen Handyverbote. Internet, Mobiltelefonie, Kabelfernsehen, Radiovielfalt. Ausgehen, Chatrooms, Filesharing.

In meinem Ghetto hingegen war der Zugang zum  „M&M eines männlichen Jugendlichen“ – Musik & Mädchen – erschwert. Dafür „R&B – Rhythmische Messen & Büffeln von Lateinvokabeln“ reichlich im Angebot.

Verboten:  Ausgang. Mädchen – klar. Selbst „Bravo“ nicht erlaubt. Doktor Sommer´s Beratungskolumne wegen, die sich mit vorehelichem Bekanntwerden und anschliessender Annäherung beschäftigt. Und unfallfreiem Vollzug. Alles,  wofür der Papst wenig Toleranz zeigte.
Knapp: Bücher. Nur die richtigen. Die falschen konfisziert.
Reglementiert: Zeiteinteilung. Fernsehen – zugelassen, was die TV-Kritik der Kirchenzeitung als artgerecht empfahl. Unter Aufsicht. Natürlich. Als erwähnter Papst angeschossen wurde, war es auch damit vorbei. TV wegen Schultrauer gestrichen. Ich betete inbrünstig für sein Leben. Und wagte mir nicht auszumalen, was noch alles gecancelt wird, wenn er es nicht schafft. Ich hasste ihn.

Das Mobiltelefon noch nicht erfunden. Telefonieren – nona – unter Aufsicht, Ausnahme Angehörige. Einziger Apparat beim Erzieher.

Es gab es auch den – in autoritären Strukturen unvermeidlichen – „Underground“. Rauchen, Alkohol, Bubenbanden, Kleinkriminalität. Hier galten zumindest teilweise meine Regeln. Wenn man sich durchsetzte. Was oft nicht der Fall war. Wer jemals Klosterschul-Literatur gelesen haben, kennt das alles. Und gab es auch alles. Und soll hier nicht ausgebreitet werden.

Ohne gröbere Schäden liess sich die Schule nur durch virtuelle Fenster nach draussen überstehen. Das musste ich bald einsehen. Dafür hiess es warten.

Ab sechzehn gab es Freiräume. Statt Grossraumhaltung im Schlaf- und Studiersaal Aufstieg in die Jugendherberge. Vierbett. Weniger Kontrolle. Und: ein eigenes Radio.

Meines war in Wirklichkeit ein Radiorekorder – schliesslich wollte ich auch eigene Audiokassetten spielen – und hörte laut schnörkeligem Herstellerschriftzug auf „Gracia“. Bestellt von meiner Mutter aus dem weitläufigen Fundus des  „Kurfürstversand“, eine Art Vorläufer von „Tschibo“, mit ähnlichem Kram – vom Pürier- bis zum Massagestab.

Barock, schwarz, kantig, weit ausladenderer Lautsprechergrill, viel Chrom und viel Schrift auf allen Tasten – eine offensichtliche Niederlage deutscher Wertarbeit, wirkte das „Ding“ wie die designerische Reduktion „Optik amerikanischer Strassenkreuzer“ auf „Format europäischer Kleinwagen“. Die optisch stimmigere Stereoversion war meiner Mutter zu teuer gewesen. Ich war stolz. Ein Statussymbol.

Vier Jungs, vier Radios, ein Raum, keine Praxis. Wir brauchten Monate, bis wir uns auf erträgliche Modi der Beschallung einigen konnten. Die Wahl des Radiosenders war noch einfach: Ö3. Ö3! Was sonst wenn nicht Ö3? Ö1 und Radio Niederösterreich waren uns schon vorher durch Live – Messübertragungen und Religionfeatures negativ aufgefallen. Die wir uns als „Audiospende“ in Morgenandacht oder Religionsunterricht anhören mussten. Imageschäden, aus Sicht von Seminaristen unrettbar. Radio Burgenland? Ein zwar auffallend profaner Bauernsender, aber eben: Bauernsender. Das wars. Also Ö3.

Ö3 war in den 1980ern auf seinem weiten Weg vom „rotzigen Jugendradio“ – das ich selbst auch nur als Legende der Mediengeschichte kenne – zum „Kommerz-Flachstrand“ heute irgendwo in der Mitte angekommen. Zwar hatten einige unsägliche ModeratorInnen, die uns bis heute bei Privaten verfolgen – wie zum Beispiel Dominik Heinzl – bereits Einzug gehalten und „Quasselton der Belanglosigkeit“ eingeführt. Den ich schon als Sechzehnjähriger abgrundtief hasste. Ansonsten war Ö3 eine Fullservice Informations-Agentur der Populärkultur, die für jeden von uns etwas bot. Bieten musste. Mangels Alternativen bestrich Ö3 nahezu vollständig das Hörersegment „10 bis Noch nicht Tot“, das Interesse an „Was ist wichtig DORT auf der Welt und HIER in Österreich“ und Aversion gegen „Blasmusik-Folklore“ (Landesprogramme), „Streicher-Geheule“ und „Oberlehrer“ (Ö1) teilte.

Vortrag im lockeren, jovialen Stil. Der auch unserer Ausdrucksweise entsprach, wenn auch urbaner, abgeklärter. Die beste, vorallem neueste Musik – bei einem Radio Essenz. Aufgelegt von der Moderation selbst – der „Selektor“ mit beschränkter, automatischer Titelwahl wie heute üblich war noch nicht erfunden. Oldies, Jazz in Sonderformaten, meist Nachts und wissend kommentiert. Wenn es uns auch weniger interessierte. Konzert- und Veranstaltungshinweise. Auch wenn wir sowieso nicht hingehen konnten. Das „Mittags- „und „Abendjournal“ von Ö1 durchgeschaltet. Wir erfüllten unseren politischen Bildungsauftrag und fühlten uns informiert. „Casey Kasem´s American Top 40“ sogar über mehrere Stunden in Muttersprache. Unser „American English“  wurde ausgeprägter.

Wie dominant Ö3 in der Meinungsbildung Jugendlicher einmal war, lässt sich heute nur mehr schwer erahnen. „Es war im Radio…“ hiess Ö3.

„Aufstehen“, brüllte es, und wir brüllten mit „Ö3 Wecker“ zurück. Und summten uns mit „Musik zum Träumen“ in die Nacht. Nach „Lichtaus“. Was verboten war. Natürlich. Wir waren Fans. Und ich hatte mein erstes Fenster.

Weil wir Fans waren, hatten wir unsere Lieblingsprogramme. Vier Jungs, vier Radios, ein Raum. Wir brauchten Regeln. Wichtigste Regel: ist die Sendung fad, wird ein Tape aufgelegt. Was fad ist, bestimmt die Mehrheit. Kopfhörer hatten wir keine. Die sind für Weicheier und Amateurfunker. Gut, wenn dein Liebling mehrheitsfähig ist. Meine Lieblinge: „Musicbox“ und „Zick Zack“. Mit „Zick Zack“ hatte ich wenig Probleme. Da ging es auch um „jugendlichen Sex“ jenseits von Zellteilung. Manchmal. Top. Trotz viel Gelabere. Gelabere = fad.

In der „Musicbox“ wurde viel gelabert. Und ich weiss bis heute nicht, warum wir sie uns trotzdem anhörten. Anhören konnten, weil die anderen fanden das Programm fad und anstrengend. Aber ich bestand darauf. Vielleicht gerade deshalb, weil die anderen nicht wollten. Ich kam gerade in eine Rebellionsphase, eckte in der Schule an, hatte schlechte Noten, suchte Streit. Was mir zwar honorige Posten wie Klassen- und Schulsprecher-Stellvertreter, aber auch den Beinahe-Hinauswurf aus dem Internat einbrachte. „Pfahl im Fleisch der Anstalt, untergräbt die Autorität“, hiess es. Da kam mir DAS gerade recht. Ich machte Krach. Immer wieder. Den anderen wurde das wohl zu mühsam. Ich zu mühsam. Die „Musicbox“ blieb an.

So wie Ö3 ein Pop-Panoptikum des gesamten Radio-ORF´s war, und ihn in ein Programm  Stil „FM4“ plus „Ö3-wie wir es heute kennen“ plus „ein wenig BBC1“ komprimierte, hochkomprimierte die Box „FM4“ doppelplus „Der Sumpf“ plus ein wenig „Freie Radio-Anarchie“ in eine Sendestunde öffentlich rechtliches Radio. Täglich. Ab 15h. Heutzutage unfassbar, dass das ging. Die Dichte.

Die „Musicbox“ wird gerne verklärt, war sie doch die unausgesprochene Leitsendung von Ö3. Und alle wollten bei ihr arbeiten. Aber sie war zuerst einmal: besserwisserisch, arrogant, selbstgefällig, elitär. Gerade richtig für mich in meiner Rebellion. War ich alles auch.

Beispielsweise wird erzählt, dass Werner Geier, oder war es Thomas Mießgang? – egal, einer der Box-Heads – AspirantInnen mit der Frage abservierte: „Wieviel Platten hast Du?“ – „Hmhmhm“ – „Komm wieder, wenn Du dreitausend hast. Und DIE und DIE muss dabei sein…“.

Die „Box“ teilte die Pop-Welt ein: in „Gut“ und  „Böse“. Böse war alles, was kommerziell erfolgreich war, und – Rechts/Linkswatsche – im übrigen Ö3-Programm lief. Gut ist „Independent“, neue, schräge Musik mit wenig Publikum. Und wenig Erfolg. Für die die Welt noch nicht bereit ist. Da kannte ich mich aus – Gut, Böse, endlich eine andere Religion. So fühlte ich mich selber – „independent“, unentdeckt. Aber auf der richtigen Seite.

Meine Helden: Walter Gröbchen. Fritz Ostermayer. Angelika Lang. Als ich Lang Jahre später das erstemal persönlich begegnete, bekam ich keinen geraden Satz heraus. So gross war mein Respekt.

Die „Box“ war typischer 1980er Musikjournalimus. Sie wollte ein Weltbild vermitteln. Sie wollte ihre HörerInnen auf den richtigen Pfad bringen. Bildungsradio in Rocksender-Camouflage. Ich hatte bei der „Musicbox“ eine Stunde täglich Nachhilfeunterricht. Nachsitzen. Mein Katholizismus war beendet.

Thomas Gross schrieb kürzlich in der „Zeit“ über das 1980 gegründete Kölner Mag „Spex“, das sich einer ähnlichen Mission verschrieb, und Ende 2006 inhaltlich neupositioniert wurde : „Das Ende der Bescheidwisser: Die Allgegenwart von Musik hat die Popkritik in eine Krise gestürzt. Im Streit um »Spex«, einst das wichtigste deutsche Musikmagazin, zeigt sich die Sehnsucht nach alten Verbindlichkeiten. Doch der Kritiker als Stilpapst hat ausgedient“. Und Dietmar Dath, ein ehemaliger Redakteur, in der FAZ hingegen von “ SPEX als Fels in der Schlammflut der Verzweiflung“

Klar, beides könnte auch für die „Musicbox“ gelten. Aus heutiger Sicht überholt. Nur: ich hatte nur mein Radio. Ein Radio. Einen Fels. Von Allgegenwart von Popmusik noch keine Spur. Der Schulband – eingerichtet für rhythmische Messbegleitung – selbst zum Proben „Rolling Stones“ verboten. Wegen anzüglicher Texte. Heroisierung ausserehelichen Geschlechtsverkehrs. Kein Web und keinen Shop. Auf der Suche nach neuen Autoritäten. Verzweifelt.

Die „Box“ hatte Autorität. Uneingeschränkt  im Osten von Österreich. Mangels Alternativen ausländischer deutschsprachiger Programme. Final bewiesen zehn Jahre später, 1992. Als in der ersten Ö3-Reform, eingeleitet als panische Reaktion des österreichischen Rundfunks auf den Erfolg der Antenne Steiermark als erstes Kommerzradio, sie in den Spätabend und ins Fegefeuer reformiert wurde – mit absehbarem Quotenverlust, hagelte es Proteste. Als diese erfolglos blieben, war SIE die Startfanfare für die „Wiener Piratenradios“. Dann machen wir halt selber. Wir haben euer Latein gelernt. Sich nix zu scheissen auch. Danke „Musicbox“. Danke.

Wer Musik hört, will Musik auch besitzen. Macht unabhängig. Wenn ich heute einen guten Track im Radio höre, schickt mir das Trackservice des Senders eine SMS mit Titel und Artist. Oder ich tippe mir eine Notiz ins Mobiltelefon. Und wenn ich Zeit habe, höre ich mir mir mehr vom Produzenten zum Beispiel per Last.FM an, checke den Website, den MySpace-Space, surfe die Links, sammle, suche aus. Dann werfe ich eine Filesharing-Software an, lasse Mp3´s runterladen, schmeisse die Hälfte – Scheiss – nach dreimal hören wieder weg. Was übrig bleibt landet in meiner Soundbibliothek am Computer, manches wenige auf dem MP3-Player. Und wenn, dann, ja dann etwas so gut ist, besteht, zehn mal gehört, zwanzigmal gehört, noch immer gut, dann kaufe ich mir manchmal eine CD. Wertiger. Und wenn das Cover supergeil, dann will ich Vinyl. Am wertigsten. Weil Grafikdesign im Grossformat. Und pilgere dazu vielleicht ins „Rave Up“, ein Plattengeschäft in Wien. Plausche, schnüffle, stöbere, aber ich weiss eigentlich schon vorher was ich will. Sie kennen das sicher alles. So funktioniert Musik jetzt. Nicht alles davon ganz legal – wer parkt schon nie am Gehsteig? – nur jeder und jede macht es ungefähr so. Heute.

1982. Wir begannen mit Bootlegs. Record-Play – Abzugsfinger auf Pause, entstanden Meisterwerke partieller Wahrnehmung. Verdichtungen unserer subjektiven Neigungsprofile, gebannt auf C60 oder C90. Wir verfluchten klemmende Tasten, in unsere Tracks hineinquatschende Wichtigmacher hinter den Mikros und Tape-Ende GENAU beim wichtigsten Song.  Wir experimentierten mit Kopien und Remixes dieser Sammlungen. Zwei oder drei Rekorder Grill an Grill aneinandergeschoben, einer zum Aufnehmen, die anderen zum Abgeben. Wir gaben bald auf.

„Der Österreichische Schallplattenklub der Jugend hat die Zielsetzung, gute Musik unter jungen Leuten populär zu machen“, schrieb Ernst Prowaznik, seines Zeichen Geschäftsführer, über das pädagogische Konzept desselben, und weiter „Es genügt nicht, die Anschaffung und Auswahl von Platten ausschließlich dem Tagesgeschmack der Jugendlichen selbst zu überlassen. Wer ein wenig versucht hat, junge Menschen zum richtigen Hören guter Schallplatten zu erziehen, ist erstaunt über die Erfolge, die dabei zu erzielen sind.“

Verweilen wir ein wenig bei diesem Konstrukt der 1960er, gegründet in Erweiterung der Buchklubidee, repräsentiert und vertrieben durch Musikpädagogen an den österreichischen Schulen. Und Mitte der 1980er dann mausetot. Erstaunlich, mit welchem erzieherischen Impetus der schmale Begriff „Selbst“ – Selbstfindung, Emanzipation, Selbstbefriedung – als „Gefahr“ dargestellt und mit „Richtig“ etwas entgegengestellt werden sollte. Nur was ist „Richtig“? Wer „Spricht“?

Nicht, dass die Zeichen verkannt worden wären – „Erst wenn die Anschaffung von Schallplatten keine besonderen finanziellen Probleme mehr aufwirft, kann die musikpädagogische Funktion der Schallplatte wirksam in Erscheinung treten. Erst dann kann in vielen jungen Menschen der Wunsch erwachen, das nunmehr bereits Bekannte auch in irgendeiner Form selbst klanglich zu realisieren“, geht es weiter im Konzept – nur es herrschte: Hilflosigkeit. Hilflosigkeit in Anerkennung, dass der frühere rechtskonservative Wertekanon der Republik, der Jugendkultur generell als „schädlich“ für staatliches, bürgerliches Gefüge sah, in den 1970ern zerborsten war. Ahnungslos in der Annahme, nur weil Jugend Götter sucht, sie Gott ausgerechnet finden wird beim: Musikpädagogen.

Unser Musiklehrer war ein ein jüngerer – unter vierzig – und etwas dicklicher Pater mit Pausbacken. Die rot anliefen, wenn ihm etwas nicht passte. Ihm passte oft nicht. Bei ihm bestellten wir unsere ersten LPs. Aus dem bunten Katalog des „Schallplattenklubs“. Der uns alles mögliche mit salbungsvollen Worten empfahl. Ich wusste, was ich wollte. Was sich nur manchmal mit dem empfohlenen Programm deckte. Und umständliche Hoffnungsbestellungen nach Bandname/Scheibentitel/Label mit längeren Wartezeiten verursachte. Traf das Paket ein – hoffentlich ist mein Teil diesmal dabei!  – pflegte er ihm unbekanntes Material vorzuhören. Was häufig der Fall war. Und bei Ausgabe mit geistreichen Kommentaren,  mit klassischen Bezügen zu verzieren. Zu versuchen. Es war lächerlich. Es war demütigend. Es brachte Rügen ein. Es endete in unauflösbaren Auseinandersetzungen. „Die Monstershow im Petersdom“  auf „Morak“ – das 1980 erschienene Debütalbum des heute weniger respektierten Ex-Staatssekretärs  – ist antiklerikal. Sicher. Und „Kleine Schwester“ Inzest. Sicher. Deswegen hatte ich bestellt. „Burgschauspieler“. Franz Morak war Burgschauspieler. Die Rettung. Provokationen waren einfach. Er hatte es nicht einfach.

Wir organisierten unsere eigenen Sammelbestellungen. Beim „Meki-Versand“. Dessen kleine, auf Buntpapier kopierte Heftchen man sich zuschicken lassen konnte. Tausender Sound in winzigster Schreibschrift. Ohne Empfehlung. Ohne Werte. Ohne Verhör.

Der Plattenspieler stand im Aufenthaltsraum. Neben dem Tischtennis-Tisch. Nahe der Erzieher-Wohnung. Natürlich. Kontrolle ist alles. Ein Plattenspieler für alle. Eines der Geräte, die mit tonnenschwerem Tonarm Rillen fräsen. Statt unsere Heiligtümer zu streicheln. Es war uns egal.

Ich hatte schlechte Karten. „Fehlfarben“ gegen „Iron Maiden“? Zum Vergessen. „Blümchenblau“ gegen „Ambros“? Zum Abstinken. „Chuzpe“ gegen „Electric Light Orchestra“? Reden wir nicht davon.

Nur: Wer Musik hat, will anderen davon mitteilen. Egal, ob die wollen oder nicht.

Ich weiss nicht mehr, wessen Idee es war. Vielleicht lag es einfach in der Luft. Wir wollten einfach mehr. So wie unser Radio. Es ist da, und es hat Macht. Über die, die keine Wahl haben. Ohnmächtig sind. Es hat Autorität. Du willst Macht. Und Autorität . Und Luftkanäle, die der Autorität vorbehalten sind, die sie für sich geschaffen hat, dir nehmen. Kapern.

Wir hatten Glöckner. Aufstehen, Pause, Andacht, dafür gab es eine Glocke im Gang. Glocke, Seil. Glöckner zu sein, war hart. Und nicht besonders begehrt. Früher aufstehn, immer auf die Uhr sehn. Wenn ein Glöckner versehentlich spät läutete, dauerte etwas lang. Mit Sicherheit etwas Unangenehmes.  Ein Glöckner war nicht beliebt. Dafür Unterrichtsstunden, lästige Vokabelprüfungen unentschuldigt verlassen können. Freiheit durch Pflicht. Glöckner wurde nur jemand, der zuverlässig war. Aus Sicht des Hauses. Ich nicht. Als Pfahl.

Die Glocke wurde abgeschafft. Die Sprechanlage eingeführt. Zum Läuten. Zum alles. Plötzlich waren überall Lautsprecher. Am Gang, am Klo, im Zimmer. Überall. Wir hatten Bedürfnis. Zur Mitteilung. Wir explodierten vor Mitteilungsbedürfnis. Und hatten Platten. Zum Auflegen. Unsere. Ich glaube, es war die Idee des letzten Glöckners. Und Schlagzeugers. Der Schulband, die nicht mit „Stones“ proben durfte. Und „Genrosso“ – eine katholische, italienische Ausdruckspoptanzband – satt hatte. Die er covern sollte.

Er machte „Radio“. Seines. Und einige – wie ich – machten mit. Unseres. Meines. Es wurde geduldet. Als Versuch.

Der Deal war einfach. Sie bekamen mit, was wir hörten. Wollten. Dachten. Wir sassen mit unserem Radiorekorder, Schul-Plattenspieler, Boxen vor dem Mikrophon der Sprechanlage. In der Direktion. Morgens. Moderierten. Sagten an. Sie standen vor uns, und hörten sich an. Duldeten.

Es war lehrreich. Selbstzensur. Wir hatten Codes. „Rauchen heute dort und dort“ hiess irgendwie. Anderes Verbotenes anderswie. Das merkten sie bald. Unsere Musik lief. Meine Musik lief. Überall. Es schlief ein. Sie spielten auf Zeit. Zu mühsam. Für uns. Alles frühmorgens. Bis Unterricht.

Aber für kurze Zeit ging wieder ein Fenster auf. Eines, wo nicht nur Wind hereinweht. Sondern wir unseren Wind bliesen. Das habe ich mir gemerkt. Wenn du etwas willst, nimm es dir. Und lass dich nicht aufhalten. Auch wenn du scheiterst. Wir scheiterten. Vorerst.

Die 1980er waren ein Scheissjahrzehnt. Furchtbare Mode. Es läuft mir kalt über den Rücken, wenn – wie jetzt gerade – Legwarmers und Fönfrisuren Urstände feiern. Ok, Revivals haben Ironiefaktor. Für mich war es bitterer Ernst.

Innenpolitisches Niemandsland. Ein spürbar nachlassender Reformwille der Sozialismus – wie sich die Sozialdemokratie zu der Zeit noch nannte. Die sich an der Macht zerschliss, an Arroganz gewann. Und den Stillstand  einleitete, der die 1990er prägte. Wenn man von den Wirkungen des österreichischen Betritts zur Europäischen Union absieht. In meiner Schulzeit bin ich von alldem sowieso kaum erreicht worden.

In den Köpfen „Cold War“ – als letzte davon geprägte Generation – verschliefen wir den sich abzeichnende Fall der Blöcke. Vielleicht war es zu undenkbar. Und waren überrascht, als das Undenkbare eintrat.

Wer Blöcke im Kopf, und Blöcke vor sich, hat Lust zu schlagen. Zerschlagen. Vielleicht erklärt sich auch dadurch der radikale, libertäre Geist meiner Generation. Anpasser sind wir nicht. Wir profitierten von den Freiheiten, die in den 1970ern erkämpft wurden. Auch wenn ich selbst noch genug Mief der 1960er atmen durfte.

Mit Wirkung zu tun, waren wir in unserem Jahrzehnt zu jung. Wir probten. Und taten in den 1990ern. Eine kultur- und gesellschaftspolitisch fruchtbarere Dekade. (Von Alf Altendorf, 2007)

„Sex & Maschinen – Stalking“ (ORF Matrix 02/2007)

(Erschienen in ORF Matix 02/2007)

Die Mailbox Ihres Mobiltelefons ist voll. Der SMS-Speicher sowieso. Sie werden ständig angerufen, gehen aber nicht mehr rann. Sie schalten ab. Ruhe.  An ihrer Wohnungsglocke wird Sturm geläutet. Sie unterbrechen mit dem Schraubenzieher den Saft für das Ding. Sie schauen aus dem Fenster. Ein Ihnen bekanntes Auto parkt vor Ihrer Tür. Eine Ihnen wohlbekannte Gestalt hängt drinnen ab. Sie ziehen die Vorhänge zu. Drehen den Fernseher an. Den Laptop auf.

Später eintrudelnde Mails – mindestens eines pro Stunde – sind schnell im Spamfilter eingefangen. Mist, Sie lesen sie trotzdem. Also die Einstellung „sofort löschen“ aktiviert. Jetzt gehen Ihnen zwar fälschlich als Spam erkannte Botschaften durch die Lappen. Was solls: Ruhe. Und geht vorbei.

Irrtum.

Am dritten Tag beginnt sich Ihre Welt zu verändern. Als erstes meldet sich Ihre aktuelle Flamme: Sie haben die Beziehung beendet. Per SMS. Wie geschmacklos. Sie haben diese SMS nicht verschickt. Ihren Job haben Sie gekündigt. Per Mail. Wie unprofessionell. Sie haben keine Mail an Ihre Firma verschickt. Ob Sie sich wegen nicht ganz sauberer Honorarnoten beim Finanzamt selbst angezeigt haben? Wie reumütig. Davon hätten Sie sicher gewusst.

„Schatz, darf ich kurz an Deinen Computer ?“. Eine verhängnisvolle Frage Ihrerseits vor einiger Zeit. Ob Sie auf die unschuldige Frage des Webbrowsers – „Wollen Sie das Passwort speichern?“ – im morgendlichen Delirium auf den falschen Button gedrückt haben oder nicht, ist jetzt einerlei. Vielleicht hätten Sie auch nicht Ihre technische Überlegenheit demonstrieren sollen, indem Sie – „Hey, kennst du das?“ –  die Möglichkeiten von „Keylogging“ vorführten. Einerlei. Sie können sich sowieso nicht erinnern. Die Maschine schon.

„Ich habe nichts zu verbergen“, haben Sie dauernd gemeint. Und „Wer soll sich für mich schon interessieren?“ angefügt.

Blöd, dass sich jemand für Sie interessiert. Nicht die Staatspolizei oder das BKA. Unangemeldete Demos haben Sie schon länger ausfallen lassen. Seit längerem keine Anschläge mehr geplant.

Blöder war, mit dem „Fremdgang“ damals – Ihrer „Aktuellen“ – alle peinlichen Details per Online-SMS-Dienst zu besprechen. Noch blöder, die Beziehung zu Ihrer – mittlerweile – „Ex“ dann auszusetzen. „Ich muss nur nachdenken. Keine Angst, Schatz, nichts Ernstes“.

Blödest, dass Sie für Ihren Webmail-Account, Ihre SMS-Box – und weiss der Himmel wo noch – dieses eine Passwort verwenden. Superblödest,  einen sauber geführten Ordner „Andere Passworte“ in Ihrem Mailaccount zu führen. Online. Wo alles abgelegt ist, dass dieser Regel widerspricht.

In Mord- und Totschlagstatistiken ist zu lesen: Die häufigste Quelle für Gewaltverbrechen ist Ihre Familie. Ihr engstes soziales Umfeld. Ihre PartnerInnen. Was heisst: Auch die meisten elektronischen Schnüffeleien werden nicht von Hackern, der NSA oder amoklaufenden Sysadmins inszeniert. Sondern von Ihren Liebsten. „Ex“ oder nicht.

„Fuck the shitart, let’s kill – Wenn die Post von Netznetz klingelt“ (Kulturrisse 06/2006)

(Erschienen in Kulturrisse 06/2006)

Eine der mühsamsten Eigenheiten elektronischer Kommunikation ist Penetranz. Mit der sich Email und Konsorten in den Vordergrund computergestützter Arbeit drängen. Kaum jemand kann der Versuchung widerstehen, den Mailslave angedreht zu halten. Egal ob ein Pamphlet verfasst, eine Karikatur entworfen, eine Intrige geplant, ein Virus gecodet oder Krach gecutted wird.
Pling, Blobb, Boing, Mails bimmeln, Fenster gehen auf – wieder ein neues Mail – und der gerade Gestalt annehmende niedrige Gedanke wird durch irgendeine Mistbotschaft abgewürgt. Der nachgegangen werden muss. Neugier ist menschlich.

Mühsamer wird es, Mailinglisten abonniert zu haben. Erhöht die Frequenz der – wenn auch gewollten – Störung. Endgültig lästig, wenn eine davon unter Headern wie „Schutzgeld & Terrorismus, Law & Order, Richtigstellung, Klarstellung, Mobbing, Üble Verleumdung, Trottel, Irrenhaus, Verarsche, Pissings, Täter“ und so weiter mit Inhalt lockt. Und – wer weiter liest – ausbreitet. Warum weiter lesen?
Voyeurismus ist ebenfalls menschlich. Und geil.

Nun soll hier weder einer biederen Form von „Sauberkeit“ die Stange gehalten werden. Die Welt ist nicht sauber. Selbst im Wien der von Kehrniggern saubergeleckten Trottoirs und Hundekack-Kampagnen nicht. Noch muss gleich jede Scheisse selbst in den Mund genommen werden. Was vielleicht als bizarrer BDSM-Ritus Marke „Ekeltraining Aleister Crowley“ in trauter Privatheit durchgeht. Und öffentlich sonst nur vom krabbelsabbernden Nachwuchs praktiziert wird. Und im „kleinen Dorf voller digitaler Dorftrotteln“ namens „Netznetz.net“ und seiner Müllliste. Hier fliegt der Kot an Verbalinjurien in Oralhöhe. Schon seit langem.

Wer in der seit 2004 bestehenden List damit angefangen hat, darüber gehen naturgemäss die Meinungen auseinander. Sein Fähnchen steckt Günther Friesinger, Mitglied beim Kunsts(h)owjet „Monochrom“ und Koorganisator der Netznetz-Parade „Paraflows – Paraflöhe“ im Herbst, in „Trolle“. So heissen Provokateure im „netspeech“. Wie dem Medientheoretiker „Crackpfeife“ F.E. Rakuschan, der seine Statements gerne mit „schiesst sauber“ beendet. Oder den Altkünstlern Graf+Zyx, die kürzlich ihre morschen Knochen dem Kulturstadtrat per offenem Brief nachwarfen. Nachdem Mailath im Nachrichtenmagazin „Profil“ bei netznetz sinngemäss einen Krieg „Netzopas versus Web2.0-Kiddies“ ortete, forderten Graf+Zyx den Stadtrat zum Rückzug ins Parteialtersheim auf.
Beide, Rakuschan und Graf+Zyx, sind Kritiker von Netznetz. Während erster vorallem die Klüngeleien der im Quartier21 versammelten Organisationen/Personen mit der Kulturverwaltung moniert und „politisches Bewusstsein“ einmahnt, kritisieren zweitere eher das strukturelle Abwicklungschaos von Netznetz. Und beide verwenden scharfe rhetorische Munition, die andere, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, als „Inkontinenz“ bezeichnen: In Sache richtig, in Form daneben.

Günther Friesinger will „gezieltes Abschiessen von Netznetz durch Rakuschan“ sehen. Dieser kontert, dass „davon keine Rede sei“. Ihm gehe es um „Neuanfang“, den schweigende Mehrheiten ebenfalls fordern würden. Johannes Grenzfurthner, Monochrom-Präsident, räumt ein, „dass die Stadt alternative Förderwege neben netznetz schlecht kommuniziere“, die natürlich weiterhin offenstehen würden“. Friesinger und Grenzfurthner betonen, man habe sich auch „mit Rakuschan getroffen, um Probleme auszuräumen“. Dieser will davon nichts wissen und meint, „man habe mit ihm bei einer Veranstaltung Smalltalk geführt“. Dass dies ein „klärendes Gespräch gewesen sein solle“, sei ihm neu.

Post von Netznetz bekam im November Rakuschan. Analog. Monochrom klagte ihn nach Medienrecht §6, was laut Law „Üble Nachrede, Beschimpfung, Verspottung & Verleumdung“ heisst. Johannes „Ende der Nahrungskette“ Grenzfurthner, auch Ex-Koordinator Netznetz, meint dazu, „Prominente wie er sollen aus Netznetz herausgekämpft werden“. Er bekomme Anrufe aus Deutschland, „warum Monochrom die Netbase ermeuchelt habe“.
Ob „Satanist“ Konrad Becker und „Ex-SJ-Funktionär“ Martin Wassermair – beide Ex-Public Netbase – dies bezeugen wollen, ist unbekannt. Sein Posting mit „SJ-Bonzen“ musste der Ex-Netznetz-Koordinator Stefan Lutschinger, „ehemaliger Sexarbeiter“ und heute Organisator, zurücknehmen, nachdem er sich „falsch erinnert“ hatte. Oder „vergoogelt“? Blöderweise wird die gesamte, eigentlich geschlossene und unmoderierte Liste weltweit veröffentlicht.

Mehr Probleme mit juridischer Eskalation hat deshalb der „Anfang der Nahrungskette“: Listbetreiber „der langohrige Esel“ Lorenz Seidler. Und seit einem Jahr auf Distanz zu Netznetz. Auf Anfrage meint er hilflos, „er sei nie auf rechtswidrige Inhalte hingewiesen worden“ und „Poster sollten eigentlich wissen, dass veröffentlicht wird“. Aber es sei „kein Ziel, Differenzen per Klage auszuräumen“. Mit Vorschlägen einer Moderation sei er „nicht durchgedrungen“. Grenzfurthner sieht die Moderationsfrage anders. Er „plädiere für eine offene Gesellschaft“.

Wie der gerichtliche Nachttopfkampf endet, wird sich zeigen. Bei Ausschöpfung aller möglichen „Schlammklags“-Varianten könnte es eng mit Medienanwaltsbüros werden. Lorenz Seidler sucht jedenfalls auch schon nach anwaltlichem Beistand.

Im HipHop kennt man „freestyle battling“. Ein Gegner wird mit möglichst cleveren „Rhymes“ und „Insults“ gedemütigt, und antwortet seinerseits mit noch besseren Reimen. Ursprung ist ein afroamerikanisches Trashtalk-Spiel namens „The Dozens“.
Wie sowas geht und daneben gehen kann, erzählt NewJournalism-Ikone Tom Wolfe in „Bonfire of the Vanities (Fegefeuer der Eitelkeiten)“: In der Bronx saufen, koksen befreundete Kleingangstas. Spielen „The Dozens“. Beleidigen sich ungeheuerlich. Bis einer den Revolver zieht, dem anderen ins Herz schiesst, dann schluchzend kollabiert. „My Friend. I shot my friend…“.

Dass in Wien gesoffen wird, ist Allgemeingut. Und die „Rauch & Saufstadt“ hält laut einer APA-Meldung – kürzlich wurde das Donauwasser untersucht – im weltweiten Kokser-City-Ranking den respektablen zehnten Rang.

PS: Die im Text verwendeten Schimpfworte, Nicknames etc. geben keine Meinung des Autors wieder, sondern wurden meist per Volltextsuche aus der Netznetz.net-Maillingliste entnommen. Andere wenige frei erfunden. Happy Surfin´. Finden Sie´s raus.
Und Happy Slapping, netznetz!

Alf Altendorf ist selbständiger Kulturmanager und Medienberater. Er ist Subscriber der Netznetz-Mailingliste, bei Netznetz selbst aber nicht aktiv engagiert.

„Red Heat – Green Slime“ (Malmoe – 06/2006)

(Erschienen in Malmoe 27, 06/2005)

In der Sonne der Stadt verkommen die ehemals Freien Medien Wiens zu
kriechenden Grinsern. Ein Amalgam aus Intrigen, Interventionen und Interessenkonflikten vernichtet ihre Glaubwürdigkeit.

Seit dem Antritt der schwarzblauen Regierung Anfang dieses Jahrzehnts hat
sich der Bund weitgehend aus der Förderung von Medien verabschiedet.
Wurden die freien Radios vorher zwar nicht berauschend aber gesichert mit
Mitteln bedacht, wird seither wenig vornehm auf Zuständigkeit der Länder
und Städte verwiesen. Der seit eh und je angekündigte Umbau der
antiquierten, von ihren Intentionen unverständlichen Presseförderung auf
eine moderne allgemeine Medienförderung steht still.

Jeder laute Gedanke über breitere Verteilung des Rundfunkgebührenkuchens
bekommt Beton vom ORF. Wie immer. Neuerdings mit dem listigen Hinweis,
dass bereits jetzt die Länder einen hohen Anteil der Gebühren
stillschweigend in ihre Budgets fließen lassen. Und darüber nach Gutdünken verfügen können. Das ist wahr. Wie sieht also die Medienpolitik der Stadt Wien aus?
Wie geht die Lokalpolitik mit der vom Bund zugeschobenen Verantwortung um?

Wer in Wien nach Steuerungs- und Subventionsinstrumenten für Medien
fahndet, landet beim „Presseinformationsdienst“ kurz PID, unterstellt
Vizebürgermeisterin Laska. Warum? „Hohe Kompetenz“, lobt Jürgen
Wutzlhofer, SPÖ und im Auftrag von Laska für Freie Medien zuständig,
den PID. Und schlussfolgert, dass aus diesem Grund überhaupt die
Abteilung Laska „durch Interesse und Engagement“ die ideale
Anlaufstelle für medienpolitische Agenden der Stadt wäre. Worin
besteht nun diese Kompetenz?

„Förderungsstrategie für Medien ist nicht vorhanden“, moniert Marie Ringler, grüne Kultursprecherin. Der PID mache „eigentlich nur Inserate und Schaltungen“, dieses „Gießkannenprinzip“ als Medienpolitik zu verkaufen „könne sie nicht verstehen“. Ausserdem gäbe es immer wieder „Fälle der Einflussnahme auf Blattlinien“.
Besser wäre es, „qualitätsvolle Inhalte zu unterstützen“ und diesen
Mechanismus „objektiviert abzuwickeln“. In diesem Zusammenhang
beantragten die Grünen kürzlich im Gemeinderat die Einrichtung eines
„Medienvielfaltsfonds“, der diese Anforderungen erfüllen solle. Mit
der Weiterbearbeitung wurde Kulturstadtrat Mailath-Pokorny beauftragt.

„Chance hat das keine“, resigniert Ringler. Nicht viel hält auch
Wutzlhofer von dieser Initiative. Er hätte lieber den „Umbau der
Presseförderung auf Bundesebene“ und stehe deshalb im „regen Kontakt
mit dem SPÖ-Klub im Parlament“.
Fragen muss man sich, warum Regierungen unter SPÖ-Beteiligung nicht analog zum Beschluss des Kabelrundfunk- und Privatradiogesetzes in den 90ern kluge
Förderregeln mitbeschlossen haben?

Kontrollierte Unabhängigkeit

Zurück nach Wien ins „Kompetenzzentrum Medien“ vulgo Abteilung Laska.
Als „autoritär“ bezeichnen manche die Strukturen und den
Regierungsstil. Kontrolliert also die SPÖ von ihr abhängige
Organisationen?

Überprüfen lässt sich dies anhand zweier Beispiele:
dem Verein ICE (Internet Center for Education), Träger für
Initiativen wie netbridge oder Lehrerweb, und dem Verein WienXtra,
verantwortlich für medienpädagogische Agendas wie Medienzentrum.
Beide sind formal unabhängige Strukturen, die lediglich „im Auftrag
der Stadt Wien“ handeln. Sollte man meinen. Schliesslich unterliegt
ihre konkrete Tätigkeit auch keinerlei Einblick des Gemeinderats,
also auch der Opposition, wie dies bei der Verwaltung der Fall ist.
Und ihre MitarbeiterInnen sind frei kündbar. Unterliegen also nicht
dem Beamtendienstrecht, das einerseits Weisungsgebundenheit vorsieht.
Andererseits auch Schutz vor Willkür durch Rechte wie zum Beispiel
„Kündbarkeit nur bei nachweisbaren Vergehen“ oder Dokumentation
kritischer Anmerkungen einer BeamtIn durch „Aktenvermerke“
garantiert.

Beide Vereine haben der Vizebürgermeisterin ein Vorschlagsrecht für
Leitungsorgane eingeräumt. Sprich, Grete Laska setzt die Vorstände
ein. Mit wem genau? Mit Abgeordneten des Gemeinderats der eigenen
Partei, also Sozialdemokraten.
„PolitikerInnen haben das Recht auf ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen“, mauert Jürgen Wutzlhofer, der bei ICE und WienXtra Vorstand ist. „Problematisch“ benennt Marie
Ringler diese Praxis. Man könne „die Tätigkeit bei einem eindeutig
stadtnahen Verein wie WienXtra nicht mit irgendeiner Vereinstätigkeit
gleichsetzen“.

Insider finden wesentlich ungeschminktere Worte. „Die
Vorteile für die SPÖ liegen auf der Hand“, meint eine ungenannt
bleibend wollende Mitarbeiterin einer WienXtra unterstellten
Organisation. Der Verein habe „Lobbyisten und Entscheider in einer
Person im Gemeinderat“, die die „Finanzierung unserer Arbeit
garantieren“, im Gegenzug habe „Laska vollen Durchgriff auf alle
wesentlichen Entscheidungen“. Eigentlich fühle sie sich wie eine
„Beamtin zweiter Klasse“, „weisungsgebunden“ aber „ohne Rechte, die
über das Arbeitsrecht hinausgehen“.

Wer hier nicht mitspielt, riskiert seinen Kragen: Jobverlust für Personen, Subventionsentzug für Organisationen sind die einfachen Mittel. Behauptete Abrechnungsfehler, also angebliche Inkompetenz – mit nachfolgender Rechnungsprüfung – die raffinierteren. Wer in diesem System überleben will, darf vor allem eines nicht: auffallen. Die Folge seien „Arschkriecherei“ und „vorauseilender Gehorsam“, heißt es noch.
Alles böswillige Unterstellung?

Echo der Selbstorganisation

Zur Erläuterung zwei Vorfälle der jüngeren Vergangenheit: die
haarsträubenden Vorgänge rund um das „Mediencamp“ im Jahr 2003. Und
der „Fall Echo“ 2004, der immerhin sogar zu Diskussionen im
Gemeinderat führte.

Echo, „fast forward“: ein unabhängig gegründeter Verein erfindet für
und mit Jugendlichen der zweiten Generation eine Zeitung. Gibt diese
über Jahre heraus. Wird dafür mehrfach prämiert. Und von der MA13
gefördert. Dann im Herbst 2004 von der MA13 vor die Wahl gestellt:
Angliederung an den ICE als Träger oder Subventionseinstellung. Echo
weigert sich. Gerüchte wurden gestreut, dass die „Qualität von Echo
nachgelassen hätte“. Wo KritikerInnen aus der Migrantenszene
zustimmen.

Man wolle „Echo reformieren“, schreibt Joco Holos, Leiter
des Landesjugendreferats der MA13. Wo die selben KritikerInnen sich
erschrocken wundern, weil eine Reform durchs Magistrat war mit ihrer
Kritik nicht gemeint gewesen.

Echo weigert sich weiter, und verliert die Subvention. Echo lebt heute von Spenden. Hat ein Subventionsgeber überhaupt das Recht, an einen unabhängigen Verein solche Forderungen zu stellen? In der Abteilung Laska anscheinend schon.

Mediencamp: seit 2001 formiert sich eine Achse aus nicht-kommerziellen
Medieninitiativen unter dem Label „CMCV – Community Cluster Vienna“.
Teils innerhalb der medienpädagogischen Aktivitäten der Abteilung
Laska. Teils eher unabhängig von der Stadt und in verschiedensten
Bereich von Medien, Medienkultur und Medienbildung tätig. Ziele unter
anderen: Erhaltung des ins Trudeln geratenen freien Radios „Orange
94.0″. Umsetzung und breite Trägerschaft für das angekündigte
„Community-TV Wien“, das die Initiative als nicht-kommerzielles Stadtfernsehen
unter Beteiligung selbstorganisierter Programmacher-Communities zu etablieren hoffte,
aber nach viel versprechenden Erstgesprächen im Rathaus bald nur noch auf Hinhaltetaktik traf.

Es ging den CMCV-Beteiligten um Networking, Clustering, Lobbying.
Keineswegs ein unproblematischer Prozess, von unterschiedlichen Partikularinteressen geprägt, die nur mit Mühe laufend ausgeglichen werden konnten. Und vom Hörensagen her mit Argusaugen vom Büro der Stadträtin Laska beobachtet. Warum?

„Politisches Handeln unter Beteiligung der Vizebürgermeisterin
unterstellter Projekte und Personen wird nicht gern gesehen“,
vermutet einer der damals Beteiligten, der ungenannt bleiben will.
Die dafür notwendigen laufenden Kontakte mit dem politischen Gegner,
also die im Rahmen der rot-grünen Kooperationsprojekte mitzuständigen
Grünen, wohl noch weniger.

Ein Anlass musste gefunden werden. Als die ProponentInnen des CMCV im April 2003 den Träger für das Community-TV gründeten, übrigens in Abstimmung mit PID, SPÖ-Klub im Rathaus und den Grünen, schien dieser Anlass gekommen. Laska riss die alleinige
Zuständigkeit an sich. Einschneidende Veränderungen folgten. Hastig wurde ein
Medienkoordinator Franz Burda eingesetzt, die bei stadtnahen
Organisationen tätigen Personen mussten aus dem TV-Träger austreten,
die gleichzeitig abgeschlossenen Verhandlungen mit Orange wurden
gestoppt.

Gerüchte wurden gestreut, von „Nichtabsprache“ beim Community-TV und „Projekt-Abrechnungsfehlern“ bei Orange, also Inkompetenz, war die Rede. Als die Mutigeren der Betroffenen aus Protest gegen diese Vorgänge über den Sommer 2003 hin das Mediencamp am Karlsplatz durchführten, eine symbolische Besetzung des öffentlichen Raums, wurden Public Netbase alle Projektkooperationen mit der MA13 gestrichen. Das mit dem Mediencamp sympathisierende Projekt netbridge wurde dem ICE angegliedert,
nachdem dessen Leiter mit Hinauswurf wegen „Abrechnungsfehlern“
bedroht wurde. Weblinks auf das Mediencamp mussten entfernt werden.

Changemanagement nennt sich dies neudeutsch. Der Medienkoordinator
wurde inzwischen wieder abberufen. Wegen „Inkompetenz“, wie es hinter
vorgehaltener Hand aus dem Rathaus heißt.

Nach dem Aufräumen

Heute. „Gab es politische Einflussnahmen auf Dich als Leiterin des
Medienzentrums?“, frage ich Barbara Eppensteiner, jetzt
Programmchefin des Community-TV. „Ja, die habe es gegeben“, gibt sie
zu. Immerhin wurde zum Beispiel dem Medienzentrum der Austritt aus
dem CMCV „empfohlen“ oder die Teilnahme an Podiumsdiskussionen in der
Public Netbase verboten. „Aus Gründen der Nichtaktualität“, begründet
kryptisch Jürgen Wutzlhofer.

Wie steht es nun mit dem Community-TV? „Der SPÖ-Regierung sei es zu verdanken“, dass dieses Projekt mit „mehreren Millionen Euro gefördert“ ist, jubelt wieder Wutzlhofer.
Eigentlich seien „das doch rot-grüne Projekte“, mosert Marie Ringler. Und verweist auf Christoph Chorherr, der zuständig sei. Gerüchteweise gibt es innerhalb des grünen Klubs Kritik an ihm wegen SPÖ- Vereinnahmung der von ihm betreuten Projekte. 2004 wurde Chorherr als Klubchef abgewählt. Chorherr ist für eine Stellungnahme nicht
erreichbar.

Was ist geschehen? Nachdem breite Trägerschaft aus der Szene von
Laska abgestellt worden war, besetzte die Stadt im Dezember 2003
selbst einen neuen Vorstand für das Projekt. Unter heftigem Tauziehen
zwischen dem SPÖ-Klub, Laska und den Grünen, wie sich eine
Mitarbeiterin der SPÖ erinnert. Im Mai 2004 proklamierte Thomas
Bauer, Publizistikprofessor und Vorsitzender des Trägervereins,
„Unabhängigkeit“ und „sorgfältige Ausschreibung der Leitung“ des
Projekts. Gespräche wurden außer mit der Stadt mit niemandem
geführt. Auch nicht mit dem achtköpfigen Team der Machbarkeits-
Studie, auf die sich der Trägerverein bis heute gerne beruft. Zu
unrecht, wie es scheint. Intention der Studie: Transparenz.
Kommunikation. Keine Parteipolitik in einem freien Medienbetrieb.
Möglichst breite Verankerung in der Szene, um dies zu garantieren.
Warum liess man sich das umfangreiche Paper nie erklären?
„Thomas Bauer hat mich wegen jeder kleinsten Kleinigkeit
kontaktiert“, erzählt dafür Wutzlhofer. „Politisch sensibel“ habe er
gehandelt, sagt Bauer dazu. Was als erster Prüfstein in der
Einschätzung des Trägervereins anzusehen war, die Ausschreibung ( mit
der nachfolgenden Bestellung des bereits bei Radio Orange als
Stadt-Vertrauensperson agierenden Christian Jungwirth als
Geschäftsführer, Barbara Eppensteiner als Programmintendanz-), geriet
im Herbst 2004 zu einer Farce. Juliane Alton, IG-Kultur Vorarlberg
und vorher langjährig in Wien tätig, beschreibt dies in der Zeitschrift „Kulturrisse“ so:
Jungwirth sei „unmittelbar vor der Ausschreibung aus dem Vorstand
zurückgetreten, um nicht gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen sich
selbst bestellen zu müssen“, Eppensteiner „habe sich gar nicht
beworben“, Jürgen Wutzlhofer, der mit Veto-Recht an der Bestellung
der Geschäftsführung teilgenommen hat, „habe seine Vorstellungen
massiv artikuliert“. Seine Mitarbeiterin wurde bestellt. Teilnehmer
der Ausschreibung protestierten. Pikantes Detail: Eppensteiner hat
ein Rückkehrrecht nach WienXtra. Genaue Position offen. Ob dies nicht
ein Interessenskonflikt bei einem vorgeblich freien Medienbetreiber
sei? Ihr vorhergehender Chef Wutzlhofer, als politischer Vertreter
in ihrem gegenwärtigen Projekt tätig, wieder ihr zukünftiger Chef?
Sie dachte, sie habe „mehr Handlungsspielraum“, so Eppensteiner. „Wir
haben ein supa Verhältnis zur Abteilung Laska“, sagt Christian
Jungwirth. Das sei ihm geglaubt.

Und Radio Orange? „Orange zieht mit hoher Wahrscheinlichkeit an den
Standort des Community-TV“, heißt es informell aus dem Vorstand des
Herausgebervereins (HGV). Der liegt im 14. Gemeindebezirk, ein
Industriekomplex in einem Wohngebiet. Also am Stadtrand. Und
Wahlbezirk von, dreimal dürfen Sie raten, Jürgen Wutzlhofer. Zufall?
Es gilt die Unschuldsvermutung. „Wir sehen das als dezentrale
Stadtentwicklung“, erklärt Christian Jungwirth, auch im Vorstand des
HGVs von Radio Orange. Selbst die offiziell dezentralen
Stadtentwicklungsgebiete von Wien sind woanders. Medien an der
Peripherie?
Kritik gibt es an den Multifunktionen von Jungwirth. Man habe
„Jungwirth nahegelegt, wegen Interessenskonflikten seine Tätigkeit
bei Orange zurückzulegen“, formuliert ein ungenannt bleiben wollendes
Mitglied des HGV. „Ich will noch viel umsetzen“, so Jungwirth.
Was wohl? Um die gestoppten Verhandlungen mit der Stadt wieder in
Gang zu bekommen, wurde die im Sommer 2003 von Laska verordnete
Wirtschaftsprüfung akzeptiert, im Herbst der HGV umgebaut. Mit
Michael Kofler wurde ein ehemaliger Laska-Mann an Bord geholt. Als
ehemaliger stellvertretender Leiter des Laju-Landesjungendreferats
ist er laut eigener Aussage für das „Synergie-Konzept“
verantwortlich, welches 2003 netbridge und 2004 Echo den Kopf
kostete. Und verließ die Abteilung, weil er gerne selber
Medienkoordinator anstelle Franz Burda geworden wäre. Und ist heute
als freier Consulter weiter für die Stadt tätig. „Im Vorstand des HGV
geben Christian Jungwirth und Michael Kofler den Ton an“, meint ein
Mitglied des HGV. Die Verhandlungen von Radio Orange mit der
Abteilung Laska konnten heuer erfolgreich abgeschlossen werden.

Medienfreiheit ?

Zwischenfrage: Wissen Sie, was eine NGO ist? Zum Beispiel wenn das
Innenministerium nicht den Vorstand von Amnesty einsetzt. Und Beamte
nicht in dessen Leitung. So einfach ist das. Wenn es anders wäre,
würden Sie dem nächsten Folterbericht von Amnesty Glauben schenken?
Non-governmental eben. Sollten gerade freie Medien nicht „irgendwie“ sondern
„genau“ so sein? Zweifellos. Beim Community-TV ist das anders. Und
„rechtens“, verkündete Thomas Bauer anlässlich der Vorstellung der Leitung des Senders.
Vom „Kriechen und Grinsen“ in „dreckigen Kulissen“ schrieb Falter-Chef
Armin Thurnher, der ebenso wie Bauer im Vorstand des neuen Senders sitzt, zeitgleich in
einem Artikel über unsere Medienbananenrepublik.
Hat er damit sich selbst gemeint?

Zornig sind viele auf die Stadt-Grünen. „Unseriös“, „reingelegt“ bis
„belogen“ sind Worte, die fallen. Die rot-grünen Projekte Kapitel
„Kultur & Medien“ seien ein „Fiasko“. „Unhaltbare Versprechungen“
ohne „haltbare Akkordierungen“ seinen das gewesen.

Wieso? KonkretenMedienprojekte wie „Orange“ oder Community-TV – das übrigens schon
vorher eine langjährige Forderung der Szene war – eignen sich denkbar
schlecht für den Hickhack zwischen den Rathausparteien, die
wechselweise bei Kooperationen politische Erfolge einstreichen
wollen. Nur: Im Ergebnis kann es der Bevölkerung wurscht sein, ob
„rote“ Fahrräder durch die Stadt flitzen oder „grüne“
Holzschnitzelkraftwerke die Emissionen verringern. Hauptsache, sie
tun es.

Allein schon der Geruch, mit politisch eingefärbten elektronischen Medien in der Stadt senden zu wollen, hat diesen Projekten enorm geschadet, ist niemandem wurscht und eine Themenverfehlung der politischen Kaste dieser Stadt.

Besser wäre es gewesen, die Stadtpolitik hätte sich alleinig auf
sinnvolle, funktionierende Rahmenbedingungen der Finanzierung
konzentriert. Und den Szenen dieser Stadt überlassen, was sie daraus macht.
Die längst bewiesen haben, das sie das können, wenn die Chance besteht.
So etwas nennt sich Medienpolitik, ist aber leider nicht vorhanden. Stattdessen erleben wir eine Renaissance der ORF- Proporzpolitik der 60er in veränderten Dimensionen: Während die ÖVP den ORF einschwärzt, versucht die solcherart unter Zugzwang gebrachte SP in ihrem Hoheitsgebiet zumindest ein kleines Stadt-TV zu kontrollieren.

Wiedererweckt wurden diese Ungeister nicht zuletzt von den Grünen, die als erste versuchten, Medien selbst und nicht Ordnungspolitik derselben – also Medienpolitik – auf ihre Fahnen zu kleben, freie Szene für grüne Oppositionspolitik zu instrumentalisieren. Um dann in tiefer Deckung zuzusehen, wie im „Backlash“ der Kontrollwahn der
Stadtregierung Interventionshumbug durchsetzt. Und erst dann Ordnungspolitik nachreichen, wenn es dafür längst zu spät ist.

Braucht es ein „Freie Medien-Stadtvolksbegehren“ analog zum bundesweiten ORF Volksbegehren Anfang der 70er?

Im Herbst soll das Community-TV in Wien starten.
„Wir haben in Wien eine Referenz für ganz Österreich geschaffen“,
freut sich Jürgen Wutzlhofer. „Mit Wien wollen wir eigentlich nichts zu tun haben“, sieht dies Georg Ritter, Mitgründer der Stadtwerkstatt Linz und Mitinitiator von Radio Fro, wenig enthusiastisch. Die Wiener Entwicklung „beweise nur, was passiert, wenn man die Politik
hereinlasse“. Die habe man „in Linz draußen gehalten“. Rezept: „Freie, breite Trägerschaften“. Und „Glaubwürdigkeit“.

Alf Altendorf war Mitautor einer Machbarkeitsstudie zum Community-TV,
nachher in CMCV und Mediencamp aktiv. An der Ausschreibung der Leitungsfunktionen des TVs hat er im Rahmen einer Teambewerbung teilgenommen.

„Sex, Drugs, Perlscripts – die Party ist vorbei“ (Malmoe, 11/2004)

(Erschienen in Malmoe 22, 11/2004)

Netzkultur: Utopien bröckeln, Zeit für Fragen

Der TechWestern Internet pustete Anfang 1990 Medienkunst ins Zentrum von Innovation. Kondensation: neue Disziplin Netzkunst. NetzkünstlerInnen, Freibeuter in Skills & Improvisation (DER Traum jedes IT-Jobprofilings), prägten maßgeblich die neue “cultural-rooted” Info-Elite als Systemarchitekten. Das war neu. Kunst als R&D-Division. Outsourced.

Die Avantgarde der Netzkultur ist OVER. Nicht in Bezug auf Einzelprojekte, sondern bezogen auf Bewegung. Weder ist sie mehr Elite per se (neue Info-Eliten sind breiter, demokratischer – Creative-Industry – hat mit Kunst kaum mehr zu tun), noch kann sie auf merkbare Vorsprünge pochen. Weil: Coden kann jeder. Die wichtigsten Anwendungen kann jeder. Niemand fürchtet sich vor Kommandozeilen. Server: keine alienated monster. Kinder stecken dir zum Frühstück Maschinen zu Lanparty-Networks zusammen. Niemand braucht aufgeblasene Netzkünstler, die neue fremde Welten erklären.

Netculture schwelgt im symbolischen Kapital, das längst ausgegeben wurde. Heute wird sie schlicht an dem gemessen, was sie konkret leistet. Und das ist in vielen Belangen nicht viel. Die irre Annahme, dass Screen-Klickorgien in abgefahrenen Interfaces oder amoklaufende Shell-Scripts unhinterfragt gute Kunst sind, cool, ist bestritten. Das war lange nicht so. Stadionrock? Viel Getue um nichts?

In der Frage nach ästhetischer Relevanz muss Netzkultur zur Kenntnis nehmen, dass sie in einfacher Konkurrenz zu anderen Disziplinen steht, die eine lange Tradition, mehr Erfahrung & „bessere Waffen“ in Entwicklung überzeugender Rezeptionserlebnisse besitzen. Beispielsweise Musik. Beispielsweise Film. Der Traum allumfassender virtueller Transzendenz (c/o Neal Stephensons „Snowcrash“), begeistert antizipiert, weil als künftiges optimales Interface eigener Designwahn-Allmachtsphantasien angesehen, ist ausgeträumt und lächerlich.

NetzkünstlerInnen “first generation”, sozialisiert im Stallmief der Moderne mit Fortschrittsglauben & Apollomissions, pubertiert in Punk & Hausbesetz, leben den postmodernen Ideologietransfer: kritisch – smart – Netzkunst. “Put a flower in your hair, an´a lappy on your knees”. Kann nicht gutgehn. Knietief watend im Zitronengras mitgeschaffener technischer Systeme geht Blick verloren auf wesentliche Fragen von Gesellschaft: Realität, nicht Virtualität. Offline, nicht Online. Gute Gesetze, nicht schicke Onlineformulare. Sozialkollektive Lösung, nicht fraktalautistische Hippness. “Boboismus”, Schimpf für “Bourgeoise Bohemians” (wähle grün, rede links, konsumiere, handle rechts). Hier tut Abgrenzung not.

Denn: Wenn Netzkunst politisch etwas mit der aktuell vitalsten Jugendkultur, der “Anti-Globalisierungsbewegung”, verbindet, dann Systemkritik. Unbehagen über Überwachungsstaat, Rechtsruck & Zentralisierung, Zweifel an Autorität politischer Eliten und deren Entideologisierung, Ablehnung des Apparats multinationaler Konzerne. Soweit lässt sich zustimmen. Soweit die Verbindung. Nur: als classic antiautoritärer Pop heisst ATTAC “eat the rich”. Gut im Sinne überfälliger Repolitisierung von Jugendkultur. Bemerkenswert, wie brandaktuell sich Manifeste der “Bewegung 2. Juni”, Ulrike Meinhofs & APO wieder lesen. Wohin das führt, ist bekannt. Und nicht Thema.

Deshalb: Besser Keyboards in Fenster DEREN Häuser schmettern, DEREN Services mit Denial-Of-Service Attacken killen? Spaß beiseite. Sicher nicht. Die Netzkultur saß lange AM Sushibuffet. IN den Häusern. Jetzt sitzt sie UNTERM Buffet. Wie vorher. “Reclaim the Net” lässt sich als “zurück AUF den Tisch mit dem Scheiss-Buffet” deuten. Wird nicht einfach. Sondern sauschwer. Netzkultur war MEHR Teil von Establishment, als sie selbst wahrhaben wollte. Peristaltik, die sie mit jeder erfolgreichen Kunst teilt (deshalb werden KünstlerInnen in politischen Bewegungen als Agenten der Restauration beschnüffelt). Nur hält sie sich aufgrund ihrer eigenen Geschichte selbst für eine politische Bewegung. Während Medienkunst historisch geradezu widerwärtig unpolitisch war (weil NIE Einfluss auf die Systeme), begreift sich Netzkunst widerwärtig politisch (weil am System mitgebaut).

Schönheit & Dreck ohne Funktion, ein wesentlicher Aspekt von Kunst, wird nach wie vor nicht gerne gesehen. Aufladung von allem und jedem Werk mit Sinn, Systemanalyse & politischem Zweck führt zur Verhedderung in
Diskursen, die völlig jenseits eigener Kernkompetenz “Kunst” liegen. Beispiel: Beschäftigung mit den rauchenden Trümmern traditioneller Verwertungssysteme, Entwicklung darauf aufbauender NEUER Modelle
ökonomischen Handelns, Profiterzeugens, findet sich so weit jenseits kultureller Praxis & Know-Hows, dass Diskurs darüber nur mentaler Durchfall sein kann. Hier ist Industrie unschlagbar gut. Wenn mögliche Funktion guter Kunst Inbeschussnahme = Infragestellung von bereits Vorhandenem ist, soll gleichzeitig auf ähnlichem Niveau Trümmerfrau-Strategie = Reparatur entwickelt werden? Oder: Ist gute Kunst, wie Grundlagenforschung, zu einem hohen Grad verantwortungslos, autistisch, asozial, kompromisslos, revolutionär und vor allem nutzlos?

Keine Schlüsse. Keine klaren. Sicher nur, dass die erste Generation von Netzkultur im unauflösbaren Konflikt aus Avantgarde-Anspruch und neuer Bedeutungslosigkeit trudelt. Deshalb gleich gegenreformatorisch den “unfriendly takeover” durch “Betriebssystem Kunst” auszurufen wie John Gerrard kürzlich im Namen des Futurelab der Ars Electronica (“computerbasierte Kunst Teil des regulären Kunstmarkts”), klingt lachhaft retro: Wesentliche Eigenheit der Netzkultur ist aufgeklärtes, selbstbestimmtes Wegerecht zu Publikum OHNE Museum oder Galerie.
Darüber hinaus? Äh, wie war die Frage? (Von Alf Altendorf, 11/2004)