„Sex & Maschinen – Stalking“ (ORF Matrix 02/2007)

(Erschienen in ORF Matix 02/2007)

Die Mailbox Ihres Mobiltelefons ist voll. Der SMS-Speicher sowieso. Sie werden ständig angerufen, gehen aber nicht mehr rann. Sie schalten ab. Ruhe.  An ihrer Wohnungsglocke wird Sturm geläutet. Sie unterbrechen mit dem Schraubenzieher den Saft für das Ding. Sie schauen aus dem Fenster. Ein Ihnen bekanntes Auto parkt vor Ihrer Tür. Eine Ihnen wohlbekannte Gestalt hängt drinnen ab. Sie ziehen die Vorhänge zu. Drehen den Fernseher an. Den Laptop auf.

Später eintrudelnde Mails – mindestens eines pro Stunde – sind schnell im Spamfilter eingefangen. Mist, Sie lesen sie trotzdem. Also die Einstellung „sofort löschen“ aktiviert. Jetzt gehen Ihnen zwar fälschlich als Spam erkannte Botschaften durch die Lappen. Was solls: Ruhe. Und geht vorbei.

Irrtum.

Am dritten Tag beginnt sich Ihre Welt zu verändern. Als erstes meldet sich Ihre aktuelle Flamme: Sie haben die Beziehung beendet. Per SMS. Wie geschmacklos. Sie haben diese SMS nicht verschickt. Ihren Job haben Sie gekündigt. Per Mail. Wie unprofessionell. Sie haben keine Mail an Ihre Firma verschickt. Ob Sie sich wegen nicht ganz sauberer Honorarnoten beim Finanzamt selbst angezeigt haben? Wie reumütig. Davon hätten Sie sicher gewusst.

„Schatz, darf ich kurz an Deinen Computer ?“. Eine verhängnisvolle Frage Ihrerseits vor einiger Zeit. Ob Sie auf die unschuldige Frage des Webbrowsers – „Wollen Sie das Passwort speichern?“ – im morgendlichen Delirium auf den falschen Button gedrückt haben oder nicht, ist jetzt einerlei. Vielleicht hätten Sie auch nicht Ihre technische Überlegenheit demonstrieren sollen, indem Sie – „Hey, kennst du das?“ –  die Möglichkeiten von „Keylogging“ vorführten. Einerlei. Sie können sich sowieso nicht erinnern. Die Maschine schon.

„Ich habe nichts zu verbergen“, haben Sie dauernd gemeint. Und „Wer soll sich für mich schon interessieren?“ angefügt.

Blöd, dass sich jemand für Sie interessiert. Nicht die Staatspolizei oder das BKA. Unangemeldete Demos haben Sie schon länger ausfallen lassen. Seit längerem keine Anschläge mehr geplant.

Blöder war, mit dem „Fremdgang“ damals – Ihrer „Aktuellen“ – alle peinlichen Details per Online-SMS-Dienst zu besprechen. Noch blöder, die Beziehung zu Ihrer – mittlerweile – „Ex“ dann auszusetzen. „Ich muss nur nachdenken. Keine Angst, Schatz, nichts Ernstes“.

Blödest, dass Sie für Ihren Webmail-Account, Ihre SMS-Box – und weiss der Himmel wo noch – dieses eine Passwort verwenden. Superblödest,  einen sauber geführten Ordner „Andere Passworte“ in Ihrem Mailaccount zu führen. Online. Wo alles abgelegt ist, dass dieser Regel widerspricht.

In Mord- und Totschlagstatistiken ist zu lesen: Die häufigste Quelle für Gewaltverbrechen ist Ihre Familie. Ihr engstes soziales Umfeld. Ihre PartnerInnen. Was heisst: Auch die meisten elektronischen Schnüffeleien werden nicht von Hackern, der NSA oder amoklaufenden Sysadmins inszeniert. Sondern von Ihren Liebsten. „Ex“ oder nicht.

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