„Sex, Drugs, Perlscripts – die Party ist vorbei“ (Malmoe, 11/2004)

(Erschienen in Malmoe 22, 11/2004)

Netzkultur: Utopien bröckeln, Zeit für Fragen

Der TechWestern Internet pustete Anfang 1990 Medienkunst ins Zentrum von Innovation. Kondensation: neue Disziplin Netzkunst. NetzkünstlerInnen, Freibeuter in Skills & Improvisation (DER Traum jedes IT-Jobprofilings), prägten maßgeblich die neue “cultural-rooted” Info-Elite als Systemarchitekten. Das war neu. Kunst als R&D-Division. Outsourced.

Die Avantgarde der Netzkultur ist OVER. Nicht in Bezug auf Einzelprojekte, sondern bezogen auf Bewegung. Weder ist sie mehr Elite per se (neue Info-Eliten sind breiter, demokratischer – Creative-Industry – hat mit Kunst kaum mehr zu tun), noch kann sie auf merkbare Vorsprünge pochen. Weil: Coden kann jeder. Die wichtigsten Anwendungen kann jeder. Niemand fürchtet sich vor Kommandozeilen. Server: keine alienated monster. Kinder stecken dir zum Frühstück Maschinen zu Lanparty-Networks zusammen. Niemand braucht aufgeblasene Netzkünstler, die neue fremde Welten erklären.

Netculture schwelgt im symbolischen Kapital, das längst ausgegeben wurde. Heute wird sie schlicht an dem gemessen, was sie konkret leistet. Und das ist in vielen Belangen nicht viel. Die irre Annahme, dass Screen-Klickorgien in abgefahrenen Interfaces oder amoklaufende Shell-Scripts unhinterfragt gute Kunst sind, cool, ist bestritten. Das war lange nicht so. Stadionrock? Viel Getue um nichts?

In der Frage nach ästhetischer Relevanz muss Netzkultur zur Kenntnis nehmen, dass sie in einfacher Konkurrenz zu anderen Disziplinen steht, die eine lange Tradition, mehr Erfahrung & „bessere Waffen“ in Entwicklung überzeugender Rezeptionserlebnisse besitzen. Beispielsweise Musik. Beispielsweise Film. Der Traum allumfassender virtueller Transzendenz (c/o Neal Stephensons „Snowcrash“), begeistert antizipiert, weil als künftiges optimales Interface eigener Designwahn-Allmachtsphantasien angesehen, ist ausgeträumt und lächerlich.

NetzkünstlerInnen “first generation”, sozialisiert im Stallmief der Moderne mit Fortschrittsglauben & Apollomissions, pubertiert in Punk & Hausbesetz, leben den postmodernen Ideologietransfer: kritisch – smart – Netzkunst. “Put a flower in your hair, an´a lappy on your knees”. Kann nicht gutgehn. Knietief watend im Zitronengras mitgeschaffener technischer Systeme geht Blick verloren auf wesentliche Fragen von Gesellschaft: Realität, nicht Virtualität. Offline, nicht Online. Gute Gesetze, nicht schicke Onlineformulare. Sozialkollektive Lösung, nicht fraktalautistische Hippness. “Boboismus”, Schimpf für “Bourgeoise Bohemians” (wähle grün, rede links, konsumiere, handle rechts). Hier tut Abgrenzung not.

Denn: Wenn Netzkunst politisch etwas mit der aktuell vitalsten Jugendkultur, der “Anti-Globalisierungsbewegung”, verbindet, dann Systemkritik. Unbehagen über Überwachungsstaat, Rechtsruck & Zentralisierung, Zweifel an Autorität politischer Eliten und deren Entideologisierung, Ablehnung des Apparats multinationaler Konzerne. Soweit lässt sich zustimmen. Soweit die Verbindung. Nur: als classic antiautoritärer Pop heisst ATTAC “eat the rich”. Gut im Sinne überfälliger Repolitisierung von Jugendkultur. Bemerkenswert, wie brandaktuell sich Manifeste der “Bewegung 2. Juni”, Ulrike Meinhofs & APO wieder lesen. Wohin das führt, ist bekannt. Und nicht Thema.

Deshalb: Besser Keyboards in Fenster DEREN Häuser schmettern, DEREN Services mit Denial-Of-Service Attacken killen? Spaß beiseite. Sicher nicht. Die Netzkultur saß lange AM Sushibuffet. IN den Häusern. Jetzt sitzt sie UNTERM Buffet. Wie vorher. “Reclaim the Net” lässt sich als “zurück AUF den Tisch mit dem Scheiss-Buffet” deuten. Wird nicht einfach. Sondern sauschwer. Netzkultur war MEHR Teil von Establishment, als sie selbst wahrhaben wollte. Peristaltik, die sie mit jeder erfolgreichen Kunst teilt (deshalb werden KünstlerInnen in politischen Bewegungen als Agenten der Restauration beschnüffelt). Nur hält sie sich aufgrund ihrer eigenen Geschichte selbst für eine politische Bewegung. Während Medienkunst historisch geradezu widerwärtig unpolitisch war (weil NIE Einfluss auf die Systeme), begreift sich Netzkunst widerwärtig politisch (weil am System mitgebaut).

Schönheit & Dreck ohne Funktion, ein wesentlicher Aspekt von Kunst, wird nach wie vor nicht gerne gesehen. Aufladung von allem und jedem Werk mit Sinn, Systemanalyse & politischem Zweck führt zur Verhedderung in
Diskursen, die völlig jenseits eigener Kernkompetenz “Kunst” liegen. Beispiel: Beschäftigung mit den rauchenden Trümmern traditioneller Verwertungssysteme, Entwicklung darauf aufbauender NEUER Modelle
ökonomischen Handelns, Profiterzeugens, findet sich so weit jenseits kultureller Praxis & Know-Hows, dass Diskurs darüber nur mentaler Durchfall sein kann. Hier ist Industrie unschlagbar gut. Wenn mögliche Funktion guter Kunst Inbeschussnahme = Infragestellung von bereits Vorhandenem ist, soll gleichzeitig auf ähnlichem Niveau Trümmerfrau-Strategie = Reparatur entwickelt werden? Oder: Ist gute Kunst, wie Grundlagenforschung, zu einem hohen Grad verantwortungslos, autistisch, asozial, kompromisslos, revolutionär und vor allem nutzlos?

Keine Schlüsse. Keine klaren. Sicher nur, dass die erste Generation von Netzkultur im unauflösbaren Konflikt aus Avantgarde-Anspruch und neuer Bedeutungslosigkeit trudelt. Deshalb gleich gegenreformatorisch den “unfriendly takeover” durch “Betriebssystem Kunst” auszurufen wie John Gerrard kürzlich im Namen des Futurelab der Ars Electronica (“computerbasierte Kunst Teil des regulären Kunstmarkts”), klingt lachhaft retro: Wesentliche Eigenheit der Netzkultur ist aufgeklärtes, selbstbestimmtes Wegerecht zu Publikum OHNE Museum oder Galerie.
Darüber hinaus? Äh, wie war die Frage? (Von Alf Altendorf, 11/2004)