Windrad. Mafia. Formular.

corleoneKontrollwahn vernichtet das Förderwesen, neue Modelle sind gefragt. Schuld hat auch die Freie Kulturszene selbst.

In Sizilien stehen Windräder. Die Mafia hat über Strohfirmen europäische Fördermittel zum Ausbau der Windkraft erhalten. Gebaut wurden einige Räder, die meisten wurden niemals errichtet. Aber abgerechnet. Aufgeflogen ist der Schwindel durch Zufall, weil Beamte aus Brüssel nach Sizilien flogen. Nach Besuch eines Windrads, einem Mittagessen, ist man an den weiteren Rädern nur aus der Ferne vorbeigefahren worden. Als die Prüferinnen & Prüfer eines davon besuchen wollten, entpuppten sich diese als Attrappen. Potemkinsche Dörfer. Aus Sperrholz.

Schauplatzwechsel. Wien 2004. Aus Unzufriedenheit über die Qualität der Vergabe fordern einige Player der »Medienkunst« eine Selbstverwaltung der Förderungen. »netznetz« heißt die Initiative, viele machen mit. Die Verwaltung lenkt ein, ein Teil der Mittel werden zur selbstgewählten Verteilung an diese Initiative ausgeschüttet. Nach anfänglicher Euphorie, Experimenten nach Spieltheorie, versinkt die Szene in einem Verteilungskampf, der bis zu wechselseitigen Klagsdrohungen führt. Das Experiment wurde einige Jahre später weitgehend eingestellt.

Was ist aus den Beispielen zu lernen? In beiden Fällen hilft der Hausverstand: Finanzielle Selbstverwaltung funktioniert aus der Weisheit »Beim Geld hört sich der Spaß auf« nicht. Davor wurde in Wien gewarnt, diese Warnungen aber ignoriert. So geht es nicht.

Die »Windräder« hingegen führten zu Steigerungen von »Qualitätssicherung«. Immer mehr Dokumente, immer aufwändigere Anträge und Abrechnungen für alle. In ganz Europa. Auch innerhalb von Österreich. Nur: Die sizilianische Bevölkerung wusste, dass nur ein Windrad existiert. Man hätte sie nur fragen müssen. Jemand hätte »dort« sein müssen.

In der Qualitätssicherung gibt es einen Grundsatz: wer sie will, muss sie auch bezahlen. Haben Sie schon einmal davon gehört, dass jemand dafür mehr Mittel bekommt? Ich nicht. Das heißt, dass ein Theaterstück, dessen Produktion durch zusätzliche Formulare verbessert werden soll, sich verschlechtert, weil weniger Schauspielerinnen bezahlt werden. Dafür mehr Leute, die Formulare ausfüllen. So einfach ist das.

Die Freie Kulturszene Salzburgs will keine Selbstverwaltung, noch keinen Kontrollwahn. Dafür sind Hausaufgaben an Transparenz selbst zu leisten. Wer Bilanzen voreinander und vor der Öffentlichkeit verheimlicht – wie es leider üblich ist – darf sich über Kontrolle im Auftrag der Öffentlichkeit nicht wundern.

Und die Mafia? Wurde in den letzten Jahren durch Einheimische in Sizilien zurückgedrängt. Nicht durch bessere Formulare aus Brüssel, aus Wien, aus dem Land Salzburg.

Alf Altendorf ist Geschäftsführer des Community Radios »Radiofabrik« & kaufmännischer Geschäftsführer des Freien Fernsehens Salzburgs »FS1«. Beide veröffentlichen ihre Bilanzen.
Er ist im Vorstand des »Dachverbands Salzburger Kulturstätten«, im »Fachbeirat Medien des Landeskulturbeirats des Landes Salzburgs« und im Vorstand des nationalen »Verbands Freier Radios Österreich«. Überall kämpft er für effektive Vergabekriterien und Transparenz. Und war in Sizilien auf Urlaub.

Wissen und Ideen in Salzburg? Wir wissen wie! (11/2014)

Salzburg will Standort für Wissen und Kreativität sein. So steht es in Entwicklungsplänen von Stadt und Land. Ich finde das gut.

Waren sie schon einmal im Meatpacking District in New York City? Mid Market San Francisco? Oder in Berlin Friedrichshain? Bleiben wir fast daheim: Soho Wien Ottakring? Sie finden Liberalität. Weltoffenheit. Multikulturen und Multiethnizität. Labors, Bars, Offspaces. Der Partykalender lang. Das kulturelle Angebot groß. Wer Kreativität will, muss Inspiration bieten.

Backen wir kleinere Brötchen: Salzburg ist ein kleines Land. Salzburg eine kleine Stadt. Mit Hotspots in Millionenstädten konkurrieren? Sinnlos. Nischen finden, in denen wir erfolgreich sein können der bessere Weg.
Thomas Oberender, Ex-Schauspieldirektor der Festspiele, hat einmal über die Radiofabrik gesagt, sie sei „Wesentlich zur Herstellung eines kulturellen Klimas, das es Kreativen ermöglicht in dieser Stadt zu sein und zu arbeiten“. Ich glaube, dieses Statement gilt für die gesamte Freie Szene Salzburgs.
Ohne uns kein Wissen. Keine Kreativität.

Bleiben wir bei den Medien. Wussten sie, daß wir quantitativ und qualitativ eine der größten Community Medien Szenen Österreichs mit 500 ProduzentInnen in Salzburg haben? Dass der größte Medienbildungscluster Österreichs mit 2.000 Ausbildungen pro Jahr von den Salzburger Community Medien gebildet wird? Eine Nische, in der wir jetzt schon gut sind, und aus der sich noch mehr machen lässt.

Der neue Fachbeirat „Medien“ des Landeskulturbeirats hat dieses Jahr ein Konzept geschrieben, wie sich der Standort Salzburg entwickeln lässt, und wo wir bereits eine Basis und gute Chancen für Weiterentwicklung hätten: Von „Offenen Technologielabors“ nach oberösterreichischem Vorbild ist die Rede. Von Medienbildung als Standortvorteil. Von EU-Projekten zur europaweiten Vernetzung. Von Finanzierung der Massnahmen aus Teilen der Rundfunkgebühren des Landes. Und anderes mehr.

Ob dieses Konzept ernst genommen wird, ist noch unklar. Reaktionen darauf noch ausständig. Salzburg braucht Ideen. Das finde ich auch.

Alf Altendorf ist Geschäftsführer der Radiofabrik und kaufmännischer Geschäftsführer von FS1. Er ist Mitglied des Landeskulturbeirat – Fachbeirat für Medien

(Vorveröffentlichen eines Artikels im Auftrag des Dachverbands der Salzburger Kulturstätten)

Rundfunkgebühren: Von Raubrittern und Parteimedien (Salzburger Fenster 1/4/2012)

Als Raubritter wurden Angehörige des niedergehenden ritterlichen Standes bezeichnet, die sich durch Straßenraub und Plünderungszüge bereicherten.
Modernes Raubrittertum sind Steuern und Abgaben, denen keine erkennbaren Investitionen im selben Bereich gegenüberstehen. Budgetäres Strandgut.

Österreichs Rundfunkgebühren-System lässt den Bundesländern freie Hand, zusätzlich die sogenannte „Landesabgabe“ einzuheben. Das tut Salzburg kräftig: durch die Erhöhung ab April 2012 werden es heuer 9 Millionen sein. Medienförderung wird damit offiziell keine betrieben. Dafür werden inoffiziell in einem Sumpf aus Wirtschaftsförderung, Zuwendungen aus Parteikassen für Werbung bis Dienstleistungen nicht unbeträchtliche Mittel an einige kommerzielle Betreiber ausgeschüttet. Salzburgs Medien verlieren so an Glaubwürdigkeit.

Demokratie und Zivilgesellschaft braucht eine lebendige und parteiunabhängige Medienlandschaft. Die Geld kostet. Und uns allen wichtig sein sollte

Der Bund investiert aus den Gebühren in Salzburg nicht nur in den ORF, sondern über zwei Fonds auch in kommerzielle und nicht-kommerzielle Medien. Transparent. An Auflagen und Kriterien gebunden. Die für Qualität sorgen sollen.

Entweder schafft es die Landesregierung, einen eigenen Mechanismus zu entwickeln, der unsere Medienlandschaft absichert. Gerne ergänzend zum Bund. Mit besonderen Schwerpunkten und Kriterien. Aber transparent und glaubwürdig. Oder schafft die Landesabgabe vollständig ab.
Denn Raubritter sollten mit Ende des Mittelalters ausgestorben sein.

Malmoe fragt

Malmoe enthält in der nächsten Nummer einen zweiseitigen Schwerpunkt zum Thema „Zukunft Freier Radios in Österreich“. Nachfolgend meine Antworten.

Zur aktuellen Rolle Freier Radios / Zur Zukunft Freier Radios: Welche Rolle spielen Freie Radios heute in einem Medienumfeld, das mit Social Media, DIY-Medien im Internet Partizipationsmöglichkeiten, die zu schaffen Freie Radios angetreten sind, weiter entwickelt haben?

Community Medien haben DIY und Public Access erfunden. Lange vor dem Netz. Ich finde es erfrischend, wenn inzwischen Formen von Selbstermächtigung allgemein Akzeptanz finden. Genauso entwickeln sich die Radios weiter, Radio ist ein möglicher Kanal des Vertriebs der Inhalte neben anderen. Und es ist wichtig, diese Palette an Möglichkeiten auch energisch zu bespielen.
Heute ist Radio noch das „Alltagsmedium Nummer 1“. Morgen nicht mehr. Die  Radiofabrik hat ihr Selbstverständnis dahingehend geändert, „90% Community“ zu sein. Was die Wahl des Mediums zukünftig zu einer sekundären Frage relativiert. Primär betreiben wir „Community Building“, Ausbildung und Journalismus für die Zivilgesellschaft. Also Offline-Qualitäten über physische Kommunikation, die unersetzlich und die in jeder zukünftigen medialen „Applikation“ anwendbar sind.
In diesem Können sehe ich uns auch langfristig konkurrenzlos.

Zum Selbstverständnis freier Radios / Zur Organisation Freier Radios: Viele Freie Radios haben sich von Pirat_innenradios über basisdemokratische Projekte zu hierarchisch organisierten Providern ehrenamtlich bereitgestellter Inhalte entwickelt. Inwieweit ist die innere Strukturiertheit, Demokratie und Transparenz wichtig oder obsolet?

Für mich steckt im Gründungsgedanken der österreichischen Freien Medien ein utopischer Auftrag, den es weiterzutragen gilt: höchstmögliche Demokratie und Transparenz für ProduzentInnen. Beteiligung an den Eigentumsverhältnissen der Organisationen: das Radio, das TV gehört den Menschen.
Wer dies vergisst, untergräbt ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal unserer Szene zu privat-kommerziellen Unternehmen mit „Social-Media Strategies“. Deren UserInnen-Beteiligung spart Kosten für journalistische Arbeit ein, Gewinne und Entscheidungsrechte werden hingegen nicht mit den Beteiligten geteilt. Resultat ist Ausbeutung von Engagement.
Für die Betriebe der Freien Medien mit angestellten MitarbeiterInnen hingegen gelten unternehmerische Prinzipien. Professionalität, Effizienz, Serviceorientiertheit und Ähnliches stehen im Mittelpunkt. Hierarchie per se ist nicht böse. Dafür soll adäquate Bezahlung, Sicherheit, Karriere und betriebliche Mitbestimmung geboten werden.
Der Mix der Radiofabrik aus Demokratie und betrieblicher Schlagkraft hat sich bewährt, und wird auch weiterhin wichtig bleiben.

„Das rechnet sich: Wirst Du geschoben, dann ziehe! Wirst Du gezogen, dann schiebe!“ v. Alf Altendorf (Apropos 08/2010)

Grundregeln des Kampfsports – von daher kommen diese Rules – gelten auch im Kommunikationsalltag. Ich werde immer wieder gefragt, warum „Förderungen notwendig sind?“. Meint im Subtext, „man könne sich X sparen, weil bei Y auch gespart werden müsse, und überhaupt Z viel wichtiger sei“.

Jetzt lässt sich entgegenhalten: die Radiofabrik ist wichtig, weil wir Meinungsfreiheit herstellen. Den offenen Zugang zum Medium Radio einlösen, den fast 300 SendungsmacherInnen wahrnehmen. Mehrere tausend Menschen in den letzten Jahren ausgebildet haben, darunter viele Jugendliche. 150 regelmäßige Programme senden, und damit eines der größten Community Radios Österreichs sind. Und diese Arbeit regelmäßig ausgezeichnet wird.
Auf diese Leistungen sind wir stolz. Nur, solche Erklärungen sind defensiv. Weil ich nicht rechne, ausweiche, so gut die Argumente auch sind. „Wirst du geschoben…“.

Wir rechnen: die öffentliche Hand investiert jedes Jahr 73.000,- Euro in die Radiofabrik. 52.000,- die Stadt, 21.000,- das Land, um genau zu sein. 20 Prozent unseres Budgets. Ja, so wenig. Damit holen wir bis zu 250.000,- Euro pro Jahr aus Brüssel. Ja, so viel. Und seit neuesten 100.000,- aus Wien. Ja, auch so viel. Jeder Salzburger Euro wird von uns verfünffacht. Ein gutes Geschäft.

Deshalb sollte mehr in die Radiofabrik investiert werden. Es rechnet sich. Und wenn Sie diese Rechnung für neoliberales Geschwätz halten: wir machen auch noch Radio. Ein kleines, feines, wichtiges, großes. „Wirst Du geschoben, dann ziehe!“. Denn rechnen können wir auch.

Alf Altendorf ist Geschäftsführer der Radiofabrik. Kann rechnen.
(Apropos, 08/2010)

Rede – Radiopreis der Erwachsenenbildung 2010

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen & Kollegen,

wir freuen uns, hier zu sein. Und freuen uns gemeinsam über ein grossartiges Radio.

Als mein Kollege Georg Wimmer vor genau einem Jahr hier vor Ihnen stand, ging es um die Leistungen der 3. Säule der Rundfunklandschaft.
Und die Existenzgefahr und den Absicherungsbedarf von Community Radios wie der Radiofabrik.

Ich muss Sie enttäuschen, es gibt uns immer noch! Warum? Haben wir übertrieben? Wurden wir gerettet?

Ich muss Sie nochmals enttäuschen.
Nein, wir erhalten noch immer keine Anteile aus der Salzburger Landesmedienabgabe.
Ja, wir müssen noch immer enorme wirtschaftliche Risiken eingehen – das kann jedes Jahr schief gehen! – um einen Radiobetrieb über Beteiligung der Europäische Union zu erhalten.

Radiopreis der Erwachsenenbildung 2010 – Alf Altendorf 2011

Liebe KollegInnen vom ORF: stellen sie sich vor, sie müssten ihren Arbeitsplatz – neben ihrer eigentlichen Tätigkeit – durch „Forschung“ stützen. Finanzieren. Ja, so arbeiten wir!

Aber es wurde letztes Jahr auch etwas erreicht.

Ja, es gibt – nach mehr als 10 Jahren, 11 Jahren, meine Damen und Herren, lassen wir uns das auf der Zunge zergehen, 11 Jahren! – über den Nichtkommerziellen Rundfunkfond  die erste gesetzliche Anerkenntnis, dass es „Freie Medien“ in Österreich gibt. Die besondere, zivilgesellschaftliche Aufgaben haben. Und das erste mal in Österreich etwas, was sich „Gebührensplitting“ nennt. Zumindest für den Gebührenanteil des Bundes.

Leider hat der Gesetzgeber, die Politik, noch immer einiges nicht verstanden. Er hat nicht verstanden, dass „Freie, Nichtkommerzielle Medien“ keiner Inhalteförderung bedürfen. So wie beispielsweise Ö1 als gesamtes ein „öffentlich-rechtliches Programm“ darstellt, sind unsere gesamten Programme „freies, nichtkommerzielles Radio“. Wir haben keine „mehr, oder weniger freien Radioproduktionen“. Wir haben gar keine Produktionen: unsere Inhalte entstehen „freiwillig“, Ohne Produktionskosten. Die nicht zu kalkulieren sind. Nicht zu fördern. Nicht abzurechnen.
Genau dies ist aber vorgesehen. Und ein Humbug.

Und der Gesetzgeber wird überlegen müssen: wenn sich 2010 13 Radios und ein Fernsehen 1 Mio Euro teilen, wird unter dem Strich wenig für den einzelnen übrigbleiben. Wenig Absicherung. Meine Damen und Herren, 1 Radio kostet 400.000,- Euro. Oder besser: sollte kosten. Ja, so günstig ist das, unglaublich.
400.000,- ! Falls sie MitarbeiterInnen haben. Und WC-Anlagen.

Meine Damen und Herren, es gibt „Freie Radios“ ohne Toiletten. Ohne MitarbeiterInnen. Von denen das Gesetz jetzt will, „Produktionskosten“ abzurechnen.
Sie dürfen raten: Dieses Radio wird auch heuer keine Toiletten haben. Weil die österreichische Medienpolitik nicht verstanden hat.

Aber es wurde etwas erreicht: die Azeptanz, dass „freies Radio“ nicht „öffentlich-rechtliches“ und nicht „privat-kommerzielles Radio“ ist.

Deshalb werden Sie uns nächstes Jahr hier wiedersehen: Denn „wir sind ein freies Radio“ .
Vielen Dank für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit!

ARGEkultur Umbau – Lärm & Erde

Bedrohlich gräbt sich der Bagger an unsere Leitungen heran. Wasser weg – OK! Datenleitungen & Strom – NICHT OK! Es bleibt spannend. Und laut.

Sonnenschutz für Radiofabrik

Transparent Gesamt

Es wird wärmer: nicht nur am Globus, sondern besonders im Studio und im Büro. Leider der nächste Baumangel des ARGE-Buildings…

Wir haben uns selbst geholfen, ein „Sonnensegel“ konzipiert (thanks Marcus für die Tech-Solution!), dann gabs eine Reihe an Haussitzungen, an den Kosten & den Flächen beteiligt haben sich die ARGE, das Beisl und Subnet, und endlich…
Ab Mitte Juni Realität: Kühle mit Werbewirkung. Hoffentlich!